KONVOLUT /// ZWISCHENAUSGABE

Landfill 16  
oder: Straßen, die stinken

Landfill 16 (2011) ❶ ist ein experimenteller Kurzfilm von Jennifer Reeves.
Neunminütiges Flimmern und Rauschen: Die schnellen, bunten Bilder, begleitet von einer fast verstörenden Soundkulisse, bannen deine Augen an den Monitor. Frame für Frame brennt sich in deine Retina und lässt dich mit jeder Sekunde immer mehr wundern: Was genau gucke ich mir da an? „Landfill 16“ ist das Spiel zwischen Mensch und Natur. Der Versuch, Vergänglichkeit aufzufassen und umzudenken. Outtakes im 16mm Format wurden von der Filmemacherin auf einer Mülldeponie begraben, wieder geborgen und schließlich bemalt. Dazu hörst du einen Zusammenschnitt von Geräuschen aus Natur und Industrie. Melodien aus den Schreien eines sterbenden Vogels, Rhythmen aus leblosen Fabrikvorgängen. Dieser Film ist eine Hommage an den Zyklus von natürlicher Entstehung und Zersetzung und den Keil, den moderne Technologien in diesen Vorgang klemmen. ❷ Reeves Experiment öffnet einen neuen Raum, philosophisch über Abfall nachzudenken, und veranschaulicht somit eines der größten Probleme, die unsere Gesellschaft heute herausfordern: Wohin mit dem ganzen Müll? Um die Frage des „Wohin“ zu erkunden, ist es sinnvoll, davor die des „Woher“ zu klären. Müll ist allgegenwärtig. Wohin wir gucken, scheinen wir mit diesem Problem konfrontiert zu sein. Tatsächlich befinden wir uns in den dreckigsten Zeiten der Menschheitsgeschichte, ❸ gleichzeitig sind wir umso mehr von Hygiene besessen. Der moderne Zeitgeist, welcher Ordnung und Sauberkeit predigt, verursacht erst diese kollektive Verdrängung des Schmutzes der Industrie und richtet unseren Fokus auf die Produkte und den Konsum. ❹ Das Problem hat seine Wurzeln in unserer Wirtschaftsweise. Der Kapitalismus ist gar nicht darauf eingestellt, sich mit Entsorgung zu befassen, sondern ist auf Profit und damit Kurzlebigkeit ausgelegt. ❺ Daher ist Müll innerhalb dieses Komplexes etwas, wovon wir profitieren. Er ist ein Zeichen unseres Wohlstandes. Er bedeutet, dass wir einfach, schnell und bequem konsumieren können. ❻ Seit die Industrie in den 1950er Jahren auf Massenproduktion gesetzt hat, um Skaleneffekte ❼ auszunutzen, werden Güter weit über dem eigentlichen Bedarf hergestellt. Diese Strategie ist im Transport, in der Logistik und im Handel wiederum auf Verpackungen ausgelegt, was einen Großteil der Müllproduktion ausmacht. ❽ All dies ist der Preis für den modernen Konsum.

Dies bringt uns zurück zu unserer Ursprungsfrage: Was tun? Philosoph Oliver Schlaudt beschreibt eine kulturelle Obsession mit einem „Technofix“: die bloße Hoffnung auf eine Innovation, die kommen und uns retten wird - einen technologischen Deus ex machina sozusagen. Doch darauf zu wetten, von einer neuen technischen Innovation vor der alten technischen Innovation gerettet zu werden, klingt ebenso naiv wie faul. Wir sind nicht dazu bereit, unsere Lebensbedingungen umzustellen und wollen am liebsten so wenig wie möglich in eine Problemlösung involviert sein. Jedoch müssen wir genau auf dieser kulturellen Ebene ansetzen: priorisieren, mit dem bestehenden Müll umzugehen und vor allen Dingen, keinen mehr produzieren. ❾

Recycling kann sich als Lösungsansatz nicht beweisen. Es ist energieaufwändig im Transport und im Prozess, nicht so effizient in seiner Wiederverwertung wie es vorgibt zu sein, ❶ und wird sogar mit erhöhten CO2-Emissionen in Verbindung gebracht. ❶❶ Die Sammlung und Beseitigung von Müll ist prinzipiell nur eine Minderung des Symptoms statt eines Ansatzes an der Quelle. ❶❷ Nicht die Wiederverwertungswege sollen sich anpassen, viel eher soll bereits die Produktion Nachhaltigkeit im Design anstreben. ❶❸ Eine weitere Möglichkeit bietet Zero Waste, welches auf den ersten Blick sinnvoll erscheint. Doch wirft man einen Blick auf die Zahlen, wirken individuelle Bemühungen vergebens: Von den fast fünf Tonnen, die jede*r EU-Bürger*in pro Jahr produziert, sind nur etwa 9 % Haushaltsabfälle. ❶❹

Unter diesen Bedingungen ist es leicht, sich machtlos zu fühlen. Doch die eine Sache, die in unserer Kontrolle liegt, ist die Konversation. Wir müssen uns bewusst machen, dass das grundlegende Problem bei unseren gesellschaftlichen Wertvorstellungen liegt. Indem wir zwischen „wertlos“ und „wertvoll“ differenzieren, erlauben wir erst die Entstehung der Kategorien Müll und Nicht-Müll. ❶❺ Diese Unterscheidung entfernt uns immer weiter von der eigentlichen Materialität der Dinge und öffnet gewinnmaximierenden Produktionsstrategien erst die Tür. Wir werden immer mehr zu Konsument*innen und reinen Teilnehmer*innen am gesellschaftlichen Komplex, statt Menschen auf der Erde. Begehen wir den Fehler, unseren eigenen Wert im Zusammenhang mit der Gesellschaft (ergo wirtschaftlicher Produktivität) zu identifizieren, teilen wir dasselbe Schicksal wie „Müll“. So verseucht wie wir heutzutage von Mikroplastik sind, ❶❻ sind wir auf der Bildfläche ohnehin nicht weit davon entfernt. 

An dieser Stelle kommt „Landfill 16“ wieder ins Spiel. Dieser Film hat die Besonderheit, dass ihm der Wert, den er als Abfall verloren hat, durch das Experiment wieder zugesprochen wurde. Er wurde fundamental durch den „Sterbevorgang“ verändert. Von einem Recyceln kann in dem Sinne nicht die Rede sein – viel eher wurde das Material durch natürliche Vorgänge kompostiert. Das Bergen des Films passierte somit auf zwei Ebenen. Einerseits wurde er vor dem Zersetzen bewahrt; andererseits transzendierte er die Kategorien des Wertes und rebelliert auf diese Weise gegen das Ordnungsregime der modernen Gesellschaft. Dieser Ausbruch ist keineswegs eine Lösung unseres Müllproblems, doch er lädt dazu ein, unsere Produktionsweisen im Angesicht der Natur zu betrachten und unsere Position in diesem Komplex anders zu evaluieren. Schließlich verlieh das Zersetzen dem Film eine neue Bedeutung und einen neuen „Wert“. Das Vergängliche, was wir so krampfhaft versuchen auszublenden, ist eines der wenigen verbleibenden Dinge, die uns an die Natur bindet. Wir, als Menschen, als Körper, in der menschengemachten Abwärtsspirale, im Zyklus der Natur.



❶ Reeves, Jennifer: Landfill 16, 16mm Film, Farbe, Ton, 9 Minuten, 2011.

❷ Vgl. Reeves, Jennifer: Landfill 16, https://www.jenniferreevesfilm.com/pages/artpage_1.php?page=1, Zugriff vom 29.03.2026.

❸ Vgl. Schlaudt, Oliver: Zugemüllt. Eine müllphilosophische Deutschlandreise, S. 7, 267.

❹ Vgl. ebd., S. 283.

❺ Vgl. Köster, Roman: Müll. Eine schmutzige Geschichte der Menschheit, München 2023, S. 14f.

❻ Vgl. ebd., S. 13, 317.

❼ Bei höherem Produktionsvolumen kommt es zu Kostenersparnissen siehe: vgl. Bichler, Klaus/Krohn, Ralf/ Philippi, Peter: Gabler Kompakt-Lexikon Logistik, Wiesbaden 2005, S. 47.

❽ Vgl. Köster, S. 216-221

❾ Vgl. Schlaudt, Oliver, Hochschule für Gesellschaftsgestaltung: So groß ist das Müllproblem wirklich, https://www.youtube.com/watch?v=XDlKQWuajf4 (27.05.2025), Minuten 5:05–6:12, Zugriff vom 29.03.2026. Vgl. Schlaudt, S. 291, Köster, S. 315f.

❶⓿ Vgl. Schlaudt, S. 291, Köster, S. 315f.

❶❶ Vgl. Molinaro, Margherita/Orzes, Guido/Sarkis, Joseph: Unpacking Circular Economy Practices and Carbon Emissions Relationships. Co-benefits and Legitimacy Perspectives, in: Business Strategy and the Environment 35/1, 2026, S. 125–146.

❶❷ Vgl. Köster, S. 315f.

❶❸ Vgl. Molinaro, Margherita/Orzes, Guido/Sarkis, Joseph, S. 125–146.

❶❹ Siehe https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Waste_statistics.

❶❺ Vgl. Köster, S. 11f.

❶❻ Thompson/ Richard C. et al.: Twenty years of microplastic pollution research–what have we learned?, in: Science 386/2746, 2024.






Sophie Vergara TEXT + BILD