KONVOLUT /// ZWISCHENAUSGABE

Boys! Raise Cubed Food in Your Cellar! ❶



Ein Text im Online-Magazin The Verge stellt in seiner Unterüberschrift eine einfache Frage: „What if food were squares?“. ❷ So banal die Frage zunächst scheint, so schnell wird deutlich, dass die Würfelform von Nahrungsmitteln Verfremdungseffekte auslöst, die es wert sind, genauer betrachtet zu werden. Ausgehend von Darko Suvin, der SF in seinem 1979 erschienenen Buch Metamorphoses of Science Fiction als „literature of cognitive estrangement [H. i. O.]“ beschrieben hat, könnte man den Effekt von würfelförmigem Essen als kulinarische Verfremdung bezeichnen. Würfelförmiges Essen, ob real, erfunden oder etwas dazwischen, verrückt den Blick von Alltäglichem weg auf spekulative kulinarische Szenarios. 

Nahrungsmittel, die künstlich würfelförmig sind, lassen an Kontexte denken, die mit Science-Fiction bzw. SF ❸ assoziiert werden – z. B. Astronaut*innenessen. Und das nicht ohne Grund: Die „Darstellung von technologischem Fortschritt und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft“ wird von den Filmwissenschaftlern Lars Schmeink und Simon Spiegel ❹ als eines der klassischen Motive der SF bezeichnet. Beim Betrachten von würfelförmigem Essen kommt der für SF zentrale Effekt der Verfremdung zum Tragen. Dieser entsteht, wenn Bekanntes in einem neuen Zusammenhang gestellt oder ein „Novum“ ❺ in einer ansonsten realitätsnahen Welt platziert wird. Das Novum ist eine technische oder wissenschaftliche Neuerung, die zum Entstehungszeitpunkt des Werks (noch) unmöglich ist.

Ausgehend von der Würfelform und den Objekten, auf die sie angewendet wird, werden verschiedene Verknüpfungen möglich, die uns dabei helfen, „[to] conceptualize and respond to a world that has begun to resemble sf“, wie es die Kulturwissenschaftlerin Sherryl Vint ❻ beschreibt. Der Verfremdungseffekt der SF, der in würfelförmigen Essen zu Tage tritt, kann genutzt werden, um darüber nachzudenken, wie unser Leben von Wissenschaft und Technologie durchdrungen und geformt wird. Vint versteht das SF-Genre als „tool for thinking about and intervening in the world“. Essen, das künstlich in eine Würfelform gebracht wird, macht durch diese Verfremdung einen neuen Blick auf die Rolle von Essen in der Gesellschaft möglich. 

Noch ein letzter Punkt, bevor es mit der Analyse einzelner Beispiele losgeht: Viele Lebensmittel sind zwar würfelförmig, aber nicht Teil des Untersuchungsfelds. ❼ Meines Erachtens entfaltet sich der gesamte Bedeutungsraum dieser Form dort, wo das Essen künstlich in die Würfelform gebracht wird. Dieses Auswahlkriterium gilt vorrangig für die realen Lebensmittel, da in den SF-Beispielen teils schwer festzustellen ist, aus was genau die Würfel bestehen. Bei diesen sind außerdem andere Aspekte von Relevanz, z. B. ihr spekulativer Charakter, der sie bereits künstlich macht.


Wir wollen doch nur spielen
Die Würfelform verfremdet unseren Blick auf Lebensmittel und macht sichtbar, wie stark diese oft von uns Menschen geprägt sind. Damit wohnt dieser Verfremdung auch ein Verweis auf das geologische Zeitalter des Anthropozän inne, in dem Menschen der maßgebliche Faktor der Veränderungen des globalen Ökosystems sind. Die formale Umformung von Lebensmitteln ist Ausdruck eines menschlichen Wunsches, die natürliche Umgebung zu verändern und nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. In der Würfelform kommt dabei besonders die Vorliebe für rechte Winkel zum Tragen – ein geometrischer Aspekt, der in unserer gebauten Umwelt dominant ist. Er erstreckt sich von Büchern über Backpapier bis hin zu dem Bildschirm, den ich nutze, um mit dem digitalen Textverarbeitungsprogramm zu interagieren, mit dem ich diesen Text schreibe. Drei Beispiele – Eier, Croissants und Wassermelonen – zeigen, wie sich dieser Wunsch nach rechtwinkliger (Ver-)Formung unserer Umwelt äußern kann.   

Dem Comic-Magazin YPS, das von 1975 bis 2000 wöchentlich erschien, lagen in jeder Ausgabe sogenannte Gimmicks bei, kleine Spielzeuge oder Scherzartikel. In der Ausgabe Nr. 775 aus dem Jahr 1990 gab es „Die Maschine, die viereckige Eier macht“, auf dem Cover ist eine Illustration davon zu sehen. ❽ Dabei handelt es sich um eine gelbe Plastikform, in die man das frisch gekochte, geschälte, aber noch heiße Ei gibt und in der man es über Nacht im Kühlschrank auskühlen lässt. Aus dem Behälter herausgenommen, hat das Ei die rechteckige Form angenommen. Aus eigenem Versuch mit einer improvisierten und mehr oder weniger stabilen Form kann der Erfolg der ‚Maschine‘ bestätigt werden. Bei diesem Beispiel für würfelförmiges Essen handelt es sich explizit um ein Spielzeug. Sein Reiz ist nachvollziehbar: Eier sind natürlicherweise oval und die harte Schale macht die Vorstellung, sie könnten würfelförmig sein, absurd. Es macht Spaß, dieses Lebensmittel in eine so verfremdete Form zu bringen. Gleichzeitig wird das Gimmick als ‚Maschine‘ bezeichnet. Eine weitere Geschichte lässt sich erzählen: Man schlüpft in die Rolle eines SF-Charakters und experimentiert mit Nahrungsmitteln – in unserer von Technologie durchzogenen und SF-nahen Welt erscheint es dabei folgerichtig, dass das Ei mit einer Maschine verformt werden kann (und nicht etwa mit einem magischen Gerät). ❾

Auch in Bäckereien trifft man auf die die Lust an künstlich würfelförmigem Essen. 2018 kreierte der Bäcker Bedros Kabranian das vermutlich erste würfelförmige Croissant, bei dem der Plunderteig in einer Form gebacken wird und so eine perfekt geometrische Erscheinung hat. ❶ Wie beim Ei ist der Reiz auch hier die neuartige und strenge Form, die aufgrund des Verfremdungseffekts, der Bekanntes in neue formale Zusammenhänge stellt, futuristisch anmutet. Ein Croissant, ohnehin menschengemacht und gleichförmig, wird noch einmal standardisiert und mit rechten Winkeln versehen – eine Steigerung der Künstlichkeit, die fast absurd wirkt.

Beim letzten der drei einleitenden Beispiele steht die Verformung zur vermeintlichen Effizienzsteigerung im Vordergrund. Tomoyuki Ono, eine Botanikerin und Grafikdesignerin ließ 1978 erstmals eine Wassermelone in einer rechteckigen Glasbox wachsen, wodurch sie effizienter zu transportieren und schneiden wurde. ❶❶ Sie stellte sie in einer Galerie in Tokyo aus und reichte ein Patent für die Zuchtmethode in den Vereinigten Staaten ein. ❶❷ Im Verkauf waren sie aufgrund des aufwendigen Wachstumsprozesses doppelt so teuer wie ihre ovalen Artgenossinnen. Aufgrund des Aufwands und Preises blieb ihre Verbreitung eingeschränkt und Forscher*innen beschäftigten sich in den folgenden Jahrzehnten mit Möglichkeiten, den Prozess effizienter und kostengünstiger zu gestalten. Im Internet finden sich DIY-Anleitungen. ❶❸ Nach dem Überblick über verschiedene rechtwinklige Lebensmittel, folgen nun drei Paare, die in ihrer jeweiligen Beziehung zueinander die Nähe von SF und Realität verdeutlichen. 


Menü des Tages: Du und ich
Das niederländische Projekt Bistro in Vitro entwickelt spekulative Gerichte auf Basis von In-vitro-Fleisch, mit denen sie zum Diskurs über die möglichen Anwendungsbereiche von Laborfleisch beitragen möchten. ❶❹ Eines ihrer bizarren Projekte sind die „Celebrity Cubes“. ❶❺ Sie werden auf der Website mit einem Bild beworben, auf dem drei fleischige Würfel zu sehen sind, in denen jeweils ein Spieß mit einem Foto eines berühmten Menschen steckt, namentlich Lady Gaga, Usain Bolt und Albert Einstein. Der Beschreibungstext ist kurz und direkt: „These Celebrity Cubes are made from celebrities‘ stem cells“. Der futuristische Charakter dieses gewöhnungsbedürftigen Gerichts wird durch die geometrisch exakte Würfelform unterstrichen. Dieses Novum, das auf der realitätsnah gestalteten Website eines spekulativen Gastronomiebetriebs präsentiert wird, verfremdet die Gesamtsituation und löst das Potenzial der kulinarischen Verfremdung ein, Alltägliches wie mit anderen Augen betrachten zu können.

Eine weitaus düsterere Interpretation dieses Novums findet sich in einer Folge der post-apokalyptischen SF-Serie The 100, die sich um den Überlebenskampf einer Gruppe Menschen nach einer nuklearen Katastrophe dreht. In der Folge The Dark Year aus 2018 wird die Proteinversorgung der Überlebenden, die sich in einen Bunker retten mussten, durch einen Pilz gefährdet, der ihre Sojabohnen befallen hat. Sie müssen ein Jahr überbrücken, bis die Pflanzen nachwachsen – die einzige Proteinquelle, die ihnen bleibt, sind ihre verstorbene Mitglieder. Sie werden in einer Szene nach ca. 20 Minuten für alle Mitgliedern auf Tellern in Form von „impossibly symmetrical and strangely gelatinous cubes of flesh“ aufbereitet, wie es Nora Marie Castle ❶❻ beschreibt. Es kommt zu erheblichem Widerstand unter den Menschen, gegen den die Anführerin der Gruppe damit argumentiert, dass es unmoralischer wäre, zu sterben, obwohl sie die einzigen überlebenden Menschen auf der Erde sind. Unter Androhung von Tod durch Erschießen machen schließlich alle Mitglieder mit, wodurch die Anführerin die moralische Verantwortung auf sich nimmt. 

Hier wird der Kannibalismus, der von den Celebrity Cubes nur angedeutet wird, explizit gemacht. Bei Bistro in Vitro findet der Konsum von Menschen auf abstrakter Ebene statt, wird auf aus Stammzellen gezüchtetes Fleisch verschoben und lässt die ethischen Fragestellungen weniger dringend und eher theoretisch erscheinen. In The 100 wird tatsächlich menschliches Fleisch verspeist und das nicht aus Spaß oder als spekulative Delikatesse – die Charaktere müssen ihre exakt geometrischen Mitmenschen essen, um zu überleben. Bei beiden Beispielen handelt es sich um Spekulationen: ein Gastro-Konzept und eine narrative TV-Serie, die beide das Thema würfelförmigen Menschenfleischs auf ganz unterschiedliche Arten aufgreifen. Die Form dient bei The 100 praktisch gesehen wohl dazu, die Rationen gerecht aufzuteilen, bleibt aber auf symbolischer Ebene ambivalent: Hilft sie, zu vergessen, welche Form das Fleisch vor nicht allzu langer Zeit hatte, oder hält die übersteigert künstliche Form die Situation nur noch deutlicher vor Augen? Die Würfelform löst hier, ebenso wie bei den Celebrity Cubes, den Effekt der kulinarischen Verfremdung ein und macht sichtbar, dass es sich bei diesem Fleisch um etwas ungewöhnliches handelt.


In Space, no one can…see you eat square food
Wenn man an würfelförmiges Essen denkt, kommt einer womöglich zunächst Astronaut*innenessen in den Sinn: einfarbige Blöcke, eingeschweißt in Plastik, die mit Wasser aufgeweicht und in der Schwebe des Weltalls konsumiert werden. Zu Beginn der Weltraumprogramme in den 1960er Jahren war noch nicht klar, ob und wie Menschen unter den Bedingungen des Weltraums essen können. Der erste Mensch, der außerhalb der Erdatmosphäre Nahrung aufnahm, war der Astronaut Gherman Titov, der 1961 Püree, Johannisbeersaft und Fleischpastete aus einer Tube konsumierte. ❶❼ Während des Gemini-Raumfahrtprogramms von NASA zwischen 1964 und 1965 wurde Essen im Weltall komplexer und Astronaut*innen wurden mit gefriergetrockneten Lebensmitteln versorgt, die vor dem Konsum mit Wasser aufgeweicht werden mussten. Wie anhand einer Packung Speck der 1969 erfolgten Apollo 11-Mission ersichtlich ist ❶❽, waren unter diesen Lebensmitteln auch „bite-sized cubes“ ❶❾, die Nahrung einfacher zu portionieren und effizient zu transportieren machten.

Auch die Besatzung der USS Enterprise aus dem Star Trek-Franchise genoss hin und wieder würfelförmiges Essen, welches auf der Wiki-Seite des Fandoms als „colored blocks“ ❷ beschrieben wird. Diese Blöcke kommen in vier Folgen der originalen Star Trek-Serie vor, zuallererst in der Folge The Naked Time aus dem September 1966, welche genau drei Jahrhunderte später, im Jahr 2266 spielt. Der Offizier Joe Tormolen erhält zu Beginn der Folge einen Teller mit bunten Blöcken aus einer Maschine. Er kommt allerdings nicht dazu, sie zu essen, da er sich im Laufe eines Streits mit zwei Kollegen unabsichtlich selbst eine Stichverletzung zufügt. 

In den 1960er Jahren stellten sich sowohl die Mitarbeitenden von Weltfahrtprogrammen als auch die Macher*innen von Star Trek die Frage, wie und welches Essen im Weltall konsumiert werden kann. Die Serie projiziert ihre Antworten in die Zukunft des 23. Jahrhunderts, während sie bei den Raumfahrtbehörden in der Gegenwart umgesetzt werden mussten – beide greifen teilweise auf würfelförmige Nahrungsmittel zurück. Für letzteren Kontext bietet sich diese Form zur effizienten Lagerung an. Aufgrund seiner künstlich erzeugten strengen Form und der vakuumierten Plastikverpackung wird dieses Essen kulinarisch verfremdet und mutet futuristisch an. Diese Rationen könnten auch als Inspiration für SF-Medien dienen, die sich die Zukunft der Menschheit im All vorstellen. NASA selbst spekuliert in einem Dokument über die Nahrungsaufnahme bei zukünftigen Reisen zum Mars und die Möglichkeiten der Landwirtschaft auf dem roten Planeten. ❷❶

Die Würfel scheinen in Star Trek keine besondere Bedeutung zu haben, da sie weder einen Eigennamen noch Präsenz außerhalb der vier Folgen in The Original Series haben. Sie zeigen aber in der Verbindung mit den Vorräten von NASA, dass es in den Mittsechzigern des 20. Jahrhunderts zu einer interessanten Gleichzeitigkeit realer und fiktionaler Aufenthalte im All kommt, die beide die Frage der Nahrungsmittelaufnahme außerhalb der Erdatmosphäre zumindest teilweise mit würfelförmigen Lebensmitteln beantworteten.


Silicon Valley is in your fridge
Würfelförmige Lebensmittel rufen Assoziationen mit Reisen ins Weltall hervor, aber auch mit dystopischen Zukunftsentwürfen, in denen Nahrung so knapp wird, dass sie in Form exakt portionierter Blöcke ausgegeben wird. Am Beispiel der fleischigen Würfel aus The 100 wurde das schon ersichtlich. Auch im 1971 erschienenen SF-Film THX 1138 von George Lucas ernährt sich die Bevölkerung einer Untergrundgesellschaft von standardisiertem Essen, zu dem neben Pillen auch beige Blöcke gehören. Der Film zeigt eine dystopische Zukunft, in der das Aussehen der Menschen durch ihre gesellschaftliche Stellung vorgegeben ist – die Arbeiter*innen tragen alle weiße Overalls und haben rasierte Haare. Ihre Namen bestehen aus jeweils drei Buchstaben und vier Zahlen. Das Essen, das nur eine untergeordnete Rolle spielt und in einer Szene nach etwa einer Viertelstunde sichtbar ist, spiegelt so die Menschen in dieser Gesellschaft wider. Die Blöcke sind allesamt beige mit schwarzen Punkten, gleich groß und sehen nicht besonders appetitlich aus.

Standardisierte Blöcke, die gewöhnliche Speisen ersetzen und dabei Nahrungsaufnahme effizienter gestalten sollen, waren auch das Produkt des Start-ups SquarEat, das 2021 eine Crowdfunding-Kampagne startete und im Sommer desselben Jahres online viral ging. ❷❷ Dabei handelte es sich nicht um ein spekulatives Unternehmen wie bei Bistro in Vitro, sondern um eine reale Firma, deren selbst formuliertes Ziel es war, „to make people’s lives easier without sacrificing taste [H. i. O.]“ ❷❸. Das Konzept war recht simpel: Quadratische Blöcke zu je 50 Gramm, die aus jeweils einem Lebensmittel bestehen und einzeln in eingeschweißten Plastikverpackungen verkauft werden. In einem Post vom Dezember 2021 sind verschiedene Beispiele zu sehen, u. a. Lachs, Brokkoli, Reis, oder auch Dessertblöcke, die z. B. nach Erdnuss schmecken ❷❹. Die Blöcke konnten kalt gegessen oder auf verschiedene Arten erhitzt werden ❷❺. Das Start-up warb mit ähnlichen Ideen wie die Züchter*innen von quadratischen Wassermelonen – sie versprachen mit ihrem Produkt eine Vereinfachung von Herstellung, Lieferung und Lagerung von Lebensmitteln.

Das Start-up scheint inzwischen inaktiv zu sein, da ihre Website (squareat.com), wie den Aufzeichnungen der Wayback Machine zu entnehmen ist, seit Mitte Juli 2024 offline ist und ihre letzte regelmäßige Instagram-Aktivität aus dem Winter 2022 stammt. Die Crowdfunding-Kampagne, deren Ziel laut TODAY.com 700.000 US-Dollar waren, konnte nur etwas unter der Hälfte einwerben ❷❻. Die Berichterstattung über das Start-up ist in vielerlei Hinsicht aufschlussreicher als die Kommunikation der Firma selbst, wenn es um Assoziationen geht, die von würfelförmigem Essen hervorgerufen werden. In den Diskussionen um dieses Produkt werden viele der Verknüpfungspunkte aufgerufen, die in diesem Text bereits genannt wurden. 

In einem Video des Kanals Drew Gooden ❷❼ wird das Produkt als „[an] eighties movies’ ideas of what future food would look like“ beschrieben. Die Quadrate sehen, wie es ein Text auf der Website DesignWanted ❷❽ beschreibt, aus wie „something an astronaut would eat“. In einem Video auf dem YouTube-Kanal More Mia Maples ❷❾, in welchem das Produkt getestet wird, wird es ebenfalls als „kind of space food-ish“ beschrieben. Sie könnten auch Teil eines Star Trek-Sets sein, wie in einem Tweet vorgeschlagen wird ❸

In The Verge ❸❶ werden die dystopischen Assoziationen, die dieses Produkt hervorruft, treffend beschrieben: „Slap bang in the middle of a Venn diagram with two circles labelled ,sincere tech startups‘ and ,dystopian satires that are a little on the nose‘ you will find SquarEat: a company that you would swear is a joke if you weren’t already familiar with how the simulation we’re all living in likes to collide fact and fiction.”

Damit erinnert der Artikel an die Feststellung von Vint, dass unsere Welt sich immer mehr an Ideen und Konzepte der SF annähert. Was in den 1970er Jahren in Filmen wie THX 1138 noch als Dystopie präsentiert wird, aus der es gilt, auszubrechen, wird uns im 21. Jahrhundert als utopisches Konzept für die Ernährung der Zukunft verkauft. In diesen Assoziationen mit SF-Geschichten und dystopischen Zukünften wird die kulinarische Verfremdung der quadratischen Form eingelöst und sie ist es auch, die das Start-up so interessant macht. Die Berichterstattung dreht sich neben der Beschreibung des Konzepts der Firma immer auch und vor allem um die Form ihrer Produkte.

Die Geschäftsführerin Maria Laura Vacaflores steht laut einem Artikel von TODAY.com ❸❷ der Viralität zwiegespalten gegenüber, da trotz des Interesses viele denken würden, „because of the shape or the look that it's something not normal. I don't know why they keep comparing it to ,Soylent Green.‘ It's a crazy thing“. Soylent Green, ein SF-Film von 1973 mit Charlton Heston in der Hauptrolle, dreht sich um eine dystopische Gesellschaft, in der die einzige Nahrung für den Großteil der Bevölkerung flache, grüne, rechteckige Platten sind. Es stellt sich heraus, dass diese aus Menschen gefertigt werden, um das Problem der Überbevölkerung und Lebensmittelknappheit quasi auf einen Schlag zu bewältigen. Es leuchtet ein, dass Vacaflores nicht glücklich mit dieser Assoziation ist. Sie ist eine weitere Spur, die direkt von realem würfelförmigem Essen zu SF-Geschichten führt und den futuristischen Charakter dieser Form unterstreicht. 

In einem Video auf dem Kanal Swell Entertainment ❸❸ werden die dystopischen Assoziationen, die das Produkt von SquarEat hervorruft, näher ausgeführt: „And I will say, this filled me with such a foreboding sense of anxiety […] I was like, oh my God, we're gonna get to a point where we're being rationed to the government because the economy has collapsed, because the climate has collapsed, and the food is just scarce. So we're each given a little square of rations twice a week.” Dieser Kommentar beschreibt den typischen Ausgangspunkt dystopischer SF-Medien wie Soylent Green, THX 1138 aber auch The Dark Year treffend. Trotz der Verbindungen, die sich zu SF-Geschichten ziehen lassen und die vielerorts auch benannt wurden, scheint es von SquarEat selbst keine intendierte Assoziation zu sein. Sie reihen sich mit ihrem Produkt nahtlos in eine Reihe von realen und spekulativen würfelförmigen Nahrungsmitteln ein, die futuristisch anmuten und dabei den Effekt der kulinarischen Verfremdung auslösen, scheinen sich dessen aber überhaupt nicht bewusst zu sein. Umso absurder ist es, wie perfekt ihre Quadrate in das Phänomen passen, das im vorliegenden Text betrachtet wurde. 


Fazit
Die zu Beginn gestellte Frage, was es mit Essen macht, wenn es würfelförmig ist oder wird, wurde im vorliegenden Text unter Bezugnahme auf verschiedene Beispiele aus der Realität und fiktionalen Welten betrachtet. Dabei konnte gezeigt werden, dass diese Form als Novum Assoziationen mit SF-Kontexten, wie Reisen ins Weltall oder Zukunftsentwürfen, hervorruft. Würfelförmige Lebensmittel verursachen den Effekt der kulinarischen Verfremdung, der es ermöglicht, Bekanntes in neue (formale) Zusammenhänge zu bringen und vermeintlich Alltägliches mit anderen Augen zu betrachten. Als Beispiele wurden Eier, Croissants und Wassermelonen betrachtet, die mit Ecken und Kanten ganz anders wirken. 

Es wurden weiters drei Paare betrachtet, die aus würfelförmigen Lebensmitteln bestehen, die zueinander durch ihren Kontext oder ihren Inhalt in Verbindung stehen. Die Würfel von Bistro in Vitro spekulieren damit, was wäre, wenn menschliche Stammzellen zu konsumierbarem Fleisch gezüchtet werden. In der SF-Serie The 100 werden die Überlebenden einer Apokalypse gezwungen, ihre Toten zu essen. Es handelt sich um unterschiedliche Kontexte, die beide mit dem Konsum von menschlichem Fleisch spekulieren und dafür die Würfelform wählen. Auch Astronautennahrung ist häufig rechteckig, um effiziente Portionierung und einfacheren Transport zu ermöglichen. In Star Trek finden sich ebenfalls Würfel als Nahrung, die auf konventionelle Weise konsumiert werden und nicht in Plastik eingeschweißt sind – und so beinahe realer wirken als Essen für Weltraumreisen, das unter stark kontrollierten Bedingungen hergestellt und konsumiert wird. Zuletzt wurde das Start-up SquarEat betrachtet, das in den Medien unter Bezugnahme auf viele der Diskurse besprochen wurde, die schon in den anderen Beispielen virulent wurden – allen voran Assoziationen mit Dystopien, wie in THX 1138 oder Soylent Green. Der von würfelförmigen Lebensmitteln hervorgerufene Verfremdungseffekt zeigt die Möglichkeiten auf, SF als Methode „for thinking about and intervening in the world“ ❸❹ zu nutzen und zu Erkenntnissen zu kommen, die dabei helfen, uns mit einer Welt auseinanderzusetzen, die immer mehr wie SF anmutet. 


❶ Nach Ray Bradburys SF-Kurzgeschichte „Boys! Raise Giant Mushrooms in Your Cellar!” von 1962.

❷ Siehe: https://www.theverge.com/2021/8/26/22642587/square-food-startup-squareat 

❸  Das Abkürzen von Science-Fiction zu SF, womit auch spekulative Fiktion gemeint ist, trägt laut der Kulturwissenschaftlerin Sherryl Vint der Tatsache Rechnung, dass sich nicht alle SF-Geschichten um wissenschaftlich-technische Motive drehen.

❹  Schmeink, L., & Spiegel, S. (2020). Science-Fiction. In M. Stiglegger (Hrsg.), Handbuch Filmgenre: Geschichte—Ästhetik—Theorie (S. 515–526). Springer VS. Hier S. 518.

❺ Spiegel, S. (2013). Science Fiction. In I. Scheidgen, M. Kuhn, & N. V. Weber (Hrsg.), Filmwissenschaftliche Genreanalyse: Eine Einführung (S. 245–265). De Gruyter.

❻  Vint, S. (2021). Science Fiction. The MIT Press. https://doi.org/10.7551/mitpress/11841.001.0001

❼ Darüber hinaus gibt es auch Lebensmittel, die nicht würfelförmig sind, sich aber für eine ähnliche Analyse von Lebensmitteln im Kontext von SF bzw. des Anthropozän eignen würden, z. B. Cavendish-Bananen, Chicken Nuggets oder Analogkäse.

❽ Siehe: https://www.ypsfanpage.de/hefte/yps0775.php Danke an Alexis Dworsky für den Hinweis.

❾ In einem Reel tritt dieser maschinelle Aspekt noch stärker zu Tage – hier wird das Ei mit Werkzeugen und Techniken aus der Molekularküche bearbeitet, damit es wie ein Würfel (inkl. Augen) aussieht. Siehe: https://www.instagram.com/lindayecookingtime/reel/DQlFqOok-oK/. Danke an Alexandra Loitfellner für den Hinweis.

❶⓿ Siehe: https://gluttodigest.com/cube-croissants-square-croissants-with-an-extra-dimension-of-texture/

❶❶ Im Film Space Truckers transportiert Dennis Hopper als LKW-Fahrer Ladung durch den Weltraum. Darunter befinden sich quadratische Schweine, die in so enge Käfige gezwängt sind, dass sie, nicht unähnlich der Wassermelonen, deren rechteckige Form angenommen haben.

❶❷ Siehe: https://patents.google.com/patent/US4187639/en

❶❸ Nova, N., Roszkowska, M., & Disnovation.org (Hrsg.). (2024). A bestiary of the anthropocene: Hybrid plants, animals, minerals, fungi (Third printing). Set Margins’ Publications.
❶❹ Siehe: https://bistro-invitro.com/en/faq/

❶❺ Siehe: https://bistro-invitro.com/en/dishes/celebrity-cubes/

❶❻ Castle, N. M. (2022). Food Futures: Food, Foodways, and environmental Crisis in Contemporary Science Fiction [University of Warwick]. http://wrap.warwick.ac.uk/177329

❶❼ Siehe: https://asajournal.lt/articles/stranger-than-fiction-the-reality-and-fantasy-of-eating-in-space/

❶❽ Siehe: https://airandspace.si.edu/collection-objects/space-food-bacon-bars-apollo-11-white/nasm_A19860553000

❶❾ Siehe: https://www.nasa.gov/wp-content/uploads/2015/05/167750main_fs_spacefood508c.pdf

❷⓿ Siehe: https://memory-alpha.fandom.com/wiki/Unnamed_food_(23rd_century)

❷❶ Siehe Fußnote 17.
 
❷❷ Siehe: https://www.today.com/food/what-squareat-modular-squared-food-company-taking-over-twitter-t229104

❷❸ Siehe: https://www.instagram.com/squareat_official/

❷❹ Siehe: https://www.instagram.com/squareat_official/p/CXZr9SZJi8L/

❷❺ Siehe Fußnote 2.

❷❻ Siehe: http://wefunder.com/squareat

❷❼ Siehe: https://www.youtube.com/watch?v=Ws_YyegWGKY

❷❽ Siehe: https://designwanted.com/squareats-food-cube-concept/

❷❾ Siehe: https://www.youtube.com/watch?v=SNgBT_ovBCM 

❸⓿ Siehe: https://x.com/AngryExile/status/1430137120539090944

❸❶ Siehe Fußnote 2.

❸❷ Siehe Fußnote 20.

❸❸ Siehe: https://www.youtube.com/watch?v=olq-GLJyahU

❸❹ Siehe Fußnote 7.