NR. 03 / ANTHROPOZÄN / OUT 26.06.26

Wird auch die Musik immer schöner sein


Ein Gespräch mit Magdalena Spinka über Metaphern und Mut

Magdalena Spinka kommt aus der Nähe von Linz und ist Musikerin und Performancekünstlerin. Bei Hollerwasser und einer Eierspeis reden wir über Sprache, Metaphern und Powidltascherl.
 Zur Musik ist sie durch ihre Familie gekommen. Mit fünf wusste sie, sie will Klavier und Geige lernen. Mit 15 fing sie an, ihre eigenen Lieder zu spielen.




M.S: Also ich bin nie zur Musik gezwungen worden. Das ist mir wichtig zu erwähnen, dass das nie ein Druck von meinen Eltern war, sondern dass ich die Freude an der Musik mitgekriegt hab und mit fünf ganz spielerisch Klavier gelernt habe.
 Ab sechs war ich in der Musikschule. Ich habe es zwar einerseits geliebt, Musik zu machen: Wenn wir vom Urlaub heimgekommen sind, war das Erste, was ich gemacht habe, mich ans Klavier zu setzen. Und trotzdem war die Musikschule ein Rahmen, wo ich viel Fehlerdenken mitbekommen habe.
 Also es war ein zwiegespaltenes Verhältnis, das ich zur Musik gehabt habe.

Obwohl dieser liebevolle Umgang mit Musik in der Familie stattgefunden hat, fehlte der Mut, vor Leuten zu singen. Mit 14 änderte sich das und Magdalena fing an, selber Stücke zu schreiben.


A.K: Hast du vorher einen Text und dann entsteht die Melodie dazu? Oder zuerst eine Melodie und dann entsteht erst der Text?


M.S: Wie das früher war, weiß ich nicht mehr, ehrlich gesagt. Mittlerweile, durch das, dass ich Musik studiert habe, habe ich einfach viel über meinen eigenen Prozess herausgefunden und kann zum Beispiel jetzt sagen, es ist abhängig davon, ob ich auf Deutsch schreibe oder auf Englisch schreibe.
Wenn ich auf Deutsch schreibe, ist es meistens eigentlich immer so, dass zuerst der Text steht und dann die Akkorde einfach der Teppich darunter werden. Deswegen sind es meistens ganz radikale Standardakkorde, vor allem auf der Gitarre, weil ich eine dilettantische Gitarristin bin.
 Aber es gibt Sätze oder Phrasen, die haben in meinem Kopf schon eine starke Melodie. Manche Texte entstehen auch aus Notizen, wo ich entweder etwas beobachtet habe oder selber erfahren habe. Ich sage ungern, dass es wie Tagebucheinträge sind, aber es ist zum Teil genau das – mit sehr viel Freiheit: Ich singe viele Sachen, die nicht so passiert sind. Andere sind wiederum genauso passiert. Also irgendwo kommt dann der Punkt, wo meine Fantasie einspringt.


„Ich erinnere mich, dass er auf der Terrasse saß und rauchend in der Zeitung las. Topfen- und Powidltascherl, bevor alle aufstehen, sind wieder da. Doch die genervte Dame in der Bäckerei verstand mich wahrscheinlich schlecht durch Mundschutz und Gehecht hinter der Theke. Nun hab ich zwei Topfentascherl und keines davon mit Powidl dabei.“

(aus dem Lied Powidl)

Sie hat zuvor in Utrecht gelebt und dort in Bezug auf die Sprachbarriere gemerkt, wie sehr ihre Musik vom wirklichen Verstehen der Texte lebt.
 Zu Coronazeiten wurde das 1er Menüalbum aufgenommen und noch in Utrecht veröffentlicht. Erst als sie nach Österreich zurückkehrte, bemerkte sie, wie viele Menschen sie mit ihren Liedern erreicht.
 Ihre englischen Lieder aus dem Albumbum beschreibt sie als experimentelle Mosaike, die im Studium entstanden sind.





A.K: Merkst du einen Unterschied im Klang deiner Stücke, wenn du auf Englisch oder auf Deutsch schreibst?


M.S: Wenn ich von englischen Liedern spreche, spreche ich da auch von Sachen, die gar nicht veröffentlicht sind. Aber es gibt eine Sammlung von englischsprachigen Stücken, die in sich schon einen kohärenten Faden haben, in dem, wie sie klingen.
 Auf Deutsch ist es so: Ich hab alle Worte zur Verfügung. Und da wird es viel erzählerischer.

A.K: In deinen deutschen Liedern geht es öfters um romantische Gefühle. Hast du dir manchmal einen Kopf darüber gemacht, mit so persönlichen Themen in die Öffentlichkeit zu treten?


M.S: Ganz sicher. Allerdings liegen bei ganz expliziten Texten die Themen teilweise so weit in der Vergangenheit, dass an dem Punkt, wo ich die Lieder aufgenommen und veröffentlicht habe, es für mich schon abgeschlossen war.

A.K: Also würdest du sagen, es ist für dich auch ein persönliches Abschließen mit den Themen?


M.S: Das bestimmt. Das passiert immer wieder. Und da helfen dann auch Metaphern. Ich weiß, wo die Kerne von den Texten liegen, aber vielleicht helfen mir die Metaphern auch selber, zu vergessen, was ich da eigentlich gerade besinge, oder mich davon zu distanzieren, damit es dann möglich ist, das nach außen hin zu tragen.

Das im Frühjahr 2026 aufgenommene 2er Menü stellt die Fortsetzung zum 1er Menü dar und beinhaltet ein Stück, das alle vorherigen in Perspektive stellt.


M.S: Wie oft war ich wirklich schon verliebt? Oder waren Augen bloß ein Fluchtpunkt vor meinem eigenen Sein?
 Früher war da so viel Aufregung und so viel Sehnsucht. Und mittlerweile weiß ich gar nicht, was davon wirklich Verliebtsein war. Aber die Romantik war und ist großes Thema von den Stücken und nervt mich auch manchmal.
 Es gibt, ich glaube, ein oder zwei Stücke, wo es nicht um romantische Gefühle geht. Da geht es im einen um Autos, im anderen um meine Oma.




Wir reden über Unterhaltungskunst. Ich frage mich, ob sie manchmal einen Druck verspürt, ihre Stücke der Kulturindustrie anzupassen.




M.S: Nein. Also sicher kann ich den Druck verspüren, aber momentan ist es so, dass ich in anderen Projekten tätig bin und jetzt nicht nur von den Konzerten abhängig bin und gar nicht wüsste, ob ich es schaffen würde, jedes Wochenende zu spielen. Das ist das Nächste: Ich weiß gar nicht, ob ich mich mit meiner Musik, eben weil sie so persönlich ist, diesen Standards von Unterhaltungskultur beugen könnte.

A.K: Hattest du diesbezüglich schon mal das Gefühl, du müsstest etwas daran ändern?


M.S: Nein. Das ist dann eher so, dass ich das Bedürfnis habe, auch noch andere Musik zu machen, und zwar mit Leuten, wo etwas entsteht, das nicht nur von mir abhängt.
 Da kommt man vielleicht zurück auf das Englische. Also meine englischen Texte sind für mich viel vager, bildhafter und gedichteter. Da sind viel mehr Melodien teilweise dabei, weil die Worte auch anders ausgesprochen werden, und wenn ich auf diese Art singe, ist das viel weiter weg von mir.
Ich weiß, dass ich Leute unfassbar gern zum Tanzen bringe, und das 1er Menü ist halt sehr lieblich und ruhig, schon auch zynisch, aber ganz viel lieblich und ruhig.
 Und da weiß ich einfach, ich vermisse das so, dass es da einen anderen Ausdruck von einem anderen Teil von mir gibt. Ich glaube, dass das Projekt oder die Musik schon viel Leichtigkeit hat, aber ganz viel ist auch das, wo ich auf der Bühne eintauchen muss. Ich bin da nicht nur losgelöst. Ich bin da wahnsinnig konzentriert, damit ich eintauchen kann und das Gefühl selber spüre. Auch wenn ich nicht die alten Erfahrungen spüre, bin ich vom Gefühl her in der Musik, und das wird dann vermittelt.
Ich bin gerade recht glücklich, weil ich mit zwei Freunden zum Musikmachen angefangen habe. Da ist das Schöne daran, dass es eben nicht nur von mir abhängt und nicht nur aus mir entspringt. Weil selbst, wenn ich beim 1er Menü Cello und Geige dabeihabe, hängen die Musik und der Text von mir als Einzelperson ab. Meine Mitspielenden machen halt alles schöner, die Musik an sich und auch jede Erfahrung, weil ich sie teilen kann.





 
A.K: Schreibst du auch für Cello und Geige?


M.S: Nein, das sind einfach zwei super Leute, die so ein Gespür haben, dass sie meistens dazu improvisieren, und dann irgendwann festigt sich das als ein Arrangement. Aber trotzdem entsteht die Musik im Kern immer aus mir und meinen Erfahrungen, und ich genieße es, wenn das auch anders ist.
Was für eine Freude das ist, etwas zu kreieren, wo ich weiß, das hätte ich nicht alleine geschafft. Die einzelnen Stücke kann ich alleine spielen, die kann ich als Solo-Konzert spielen, aber eben mit Streichern oder mit meinen beiden Spielenden wird es immer schöner sein. Wird auch die Musik immer schöner sein.

A.K: Wie ist das Zusammenarbeiten mit anderen Menschen für dich?


M.S: Mit Christoph Meier und Magdalena Müller-Hauszer, die das mit mir machen, ist das wunderbar. Ich merke, dass ich entspannter bin, wenn andere auf der Bühne dabei sind.

Auf die Frage, ob sie noch etwas loswerden möchte, bekomme ich folgende Antwort:



M.S: Was ich vielleicht zufügen wollen würde an Sachen, die wir vorher besprochen haben: Ich würde mir hoffen, wenn ich es schaffe, in diesem Prozess zu bleiben, der frei ist von dem Gedanken „Hey, was wollen die Leute hören und deswegen komponiere ich das“, dass Leute, die meine Musik oder mich als Musikerin schätzen, mitgehen können mit dem: Dass da eine Art Verständnis besteht, dass man nicht nur das eine ist und nicht nur das eine macht.




Anna Kruml TEXT + BILD