NR. 03 / ANTHROPOZÄN / OUT 26.06.26

„Who is this Anthropos?“  


Der Gedanke, x könnte in einer Million Jahren das Fossil eines Toyota Corolla aus dem Jahr 2019 finden und sich wundern, was x da für einen komischen Materialverbundpaketabdruck aus dem Boden gezogen hat – x war doch nur auf der Suche nach einer H₂O-Quelle. Puh, wer kann das schon denken? 

Paul Crutzen, politisch entgeistert von der Unpopularität einer kaum existierenden Klimapolitik, wie er war, rief just im Jahr 2000 das Anthropozän aus – die Menschheit habe einen Punkt erreicht, an dem sie die größte geologische Kraft geworden sei. Da waren sich der Geologe und einige seiner Geologen-Freunde sicher. Der feuerbrünstige, gottgleiche, männliche, weiße, hetero-cis-Anthropos hat es also geschafft, einen ganzen Planeten zu unterjochen. ❶ Bei der Beschäftigung mit dieser Erkenntnis sind es eben diese Fragen, die mich am meisten beschäftigen: Who is this Anthropos? Was bleibt vom Anthropozän, wenn er mal nicht mehr ist? Und vor allem: Ist die Idee des Anthropozäns nützlich, um über uns Menschen, unseren Verbleib oder unsere Einordnung in der Planetengeschichte nachzudenken?

Fangen wir von vorne an. Wer ist dieser Anthropos? Und was hat nicht nur die Biologin, Anthropologin und post-Humanistin Donna Haraway gegen ihn, sondern auch ich? Anthropos (ἄνθρωπος) ist altgriechisch und bedeutet Mensch (das in Anthropozän angehängte -zän kommt von καινός kainós und bedeutet „neu“). Also lautet die erste Antwort: Wir sind alle Menschen, also Anthropoi. Anthropos ist die Menschheit, die sich vor ca. 12000 – damals noch im Holozän ❷ – angefangen hat niederzulassen, zu siedeln, in kleinen oder großen Gemeinschaften Ackerbau und Viehzucht zu betreiben – die einen mehr, die anderen weniger. 

Je nachdem wie man also die letzten zwölf Jahrtausende bewertet, hat sich nicht viel verändert. Wir siedeln immer noch in kleinen oder großen Gemeinschaften, haben uns dafür Wörter und Konzepte ausgedacht wie Stadt und Dorf oder Hochhaus und Hütte. Ackerbau und Viehzucht sind immer noch ein großer Teil unserer sogenannten Zivilisationen, auch wenn lange nicht mehr alle von uns Bäuer*innen und Viehzüchter*innen sind. Was sich allerdings verändert hat, ist, dass einige wenige von uns das Glück hatten, eben nicht mehr selbst Land zu bestellen und Vieh zu züchten, um abends warmes Essen auf dem Küchentisch stehen zu haben. Ihre Nachfahren können sich jetzt Großgrundbesitzer*innen nennen – oder CEO von einem Agrarunternehmen, oder Familienunternehmer*innen – und andere (oder das Geld) für sich arbeiten lassen. Diese Anderen, also die zweite Hälfte der besagten Menschheit, das sind dann wohl wir, also ich und vermutlich auch Du. Wir müssen noch arbeiten, um abends warmes Essen auf dem Tisch zu haben. Zwar nicht unbedingt auf dem Acker, dafür aber in Unternehmen. Eben in und für jene Unternehmungen der ersten Hälfte der Menschheit. Fabriken, Büros, Starbucks-Filialen, das sind unsere neuen Äcker. So weit so gut. Die Menschheit, der Anthropos. Unterteilt in zwei Hälften, die eine arbeitet, die andere lässt arbeiten. 

Besonders wichtig ist hier jedoch, dass die Menschheit eben nicht in der Mitte geteilt werden kann, wie es Binaritäten wie der Globale Norden und der Globale Süden, der Westen und der Osten oder das Morgenland und das Abendland suggerieren – Unterscheidungen, die allzu oft dazu dienen, ein „Wir“ gegen „die Anderen“, gegen the Other, in Stellung zu bringen. Dass die zwei Hälften keine echten Hälften sind – im Sinne von fifty-fifty – wird schnell klar, wenn man bemerkt, dass das reichste eine Prozent der Welt über 50% des globalen Kapitals besitzt, oder Elon Musk über Vermögen verfügt, die die Haushalte der meisten Staaten übersteigt. Auch leben deutlich mehr Menschen in den Orten, die als Morgenland, Dritte-Welt-Länder oder Globaler Süden betitelt werden, als auf der anderen Seite. 

Wer ist also der Anthropos? Also jetzt jener im Anthropozän, in dem Zeitalter, in dem DIE MENSCHHEIT – die EINE also – zur größten geologischen Kraft geworden ist auf diesem Planeten, deren Auswirkung noch Millionen Jahre den Planeten Erde prägen wird. Kann es sein, dass dieser Anthropos in diesem neuen Zeitalter gar nicht der Mensch an sich ist? Kann es sein, dass dieses Zeitalter gar nicht das der Menschen ist? (Und auch nicht der Kritter, wie Donna Haraway argumentiert?) Sondern hier schon wieder eine Verallgemeinerung stattfindet, die die Verantwortungen verschleiern soll? Vielleicht die Verantwortung der oben genannten Großgrundbesitzer*innen, CEO’s, oder Familienunternehmer*innen? 

Um diese Fragen zu beantworten, da kommt der Toyota Corolla aus dem Jahre 2019 wieder ins Spiel, jetzt eine Million Jahre später. x war also auf der Suche nach einer H2O-Quelle und hat diesen komischen Materialverbundpaketabdruck entdeckt und weiß, dass solche ähnlichen Pakete überall auf diesem Planeten gefunden worden sind. Was alle gemeinsam haben ist, dass sie Materialverbundpakete sind – ärgerlich genug – und dass bei allen kleine interessante Zeichen zu sehen sind. Auf diesem hier ist ein T in einem Oval, in einem anderen ist ein T das aussieht wie ein Dolch, und ein wieder anderes ist ein Kreis, aufgeteilt in blaue und silberne Viertel. 

Was hat es mit diesen Materialverbundpaketen auf sich? Wer müssen wohl die Erzeuger dieser Materialverbundpakete gewesen sein? Für wen stehen diese wiederkehrenden Embleme? Die Anthropoi vor 1.000.000 Jahre (also du und ich) wussten das: Die Materialverbundpakete waren Autos. Blechbüchsen die stinkenden Qualm hinterlassen oder für deren Lithiumionenakkus ganze Landstriche für immer zerstört und verseucht wurden. Die Embleme stehen für Toyota, Tesla, BMW. Aber nicht nur das. Sie stehen auch für die Industriellen-Dynastie Toyoda, den ersten Dollar-Billionären des Planeten – was auch immer das bedeuten mag – Elon Musk und die Milliarden-Erben Klatten und Quandt. 

Was für dumme Kreaturen das gewesen sein müssen ey, denkt sich x, kloppen vor 1.000.000 Jahre alle möglichen nützlichen Materialien zusammen, die man heute nur noch mit größtem Glück von einem interstellaren Händler bekommt, und kleben die für immer so zusammen, dass man sie nie wieder auseinander bekommt. Das waren bestimmt dieselben, die dachten es wäre eine großartige Idee die Atmosphäre so kaputt zu machen, dass jetzt H₂O nur noch in den tieferen Erdschichten vorkommt und nur an ganz wenigen Stellen als pfeifender Wasserdampf aus der rissigen Erde sprudelt. Danke Elon und Co! Oder die vielen Stellen, an denen die radioaktive Strahlung so hoch ist, dass wirklich nichts mehr dort überlebt. All diese Überreste, die übrig sind von diesen Kreaturen sind giftig und unnutzbar. Und auf wen weisen sie zurück?

Auf jene weißen, männlichen, cis-hetero Anthropoi, denen das alles gehörte. Die ein Prozent, die Reichen – wie wir sie nennen, die Kapitalisten und Ausbeuter. Sie entscheiden, was wo gebaut wird, wann wo eine Atombombe gezündet wird, wann wo Menschen überleben dürfen, wann wo Tiere und Pflanzen überleben dürfen, wann wo die Erde aufgebrochen wird und wann wo das Wasser verpestet wird. Das entscheidet eben nicht die große ärmere 99%-Hälfte der Menschheit. Der wird nur gesagt: wenn ihr (also du und ich) nur gut genug lebt und euch als Individuen weiter reduziert, immer auf euren ökologischen Fußabdruck achtet, dann könnt ihr all das Schlimme hier verändern. Dann könnt ihr das große Zeitalter der Menschheit zu einem guten Zeitalter machen. All das Schlechte rückgängig machen. Ihr müsst nur bewusster konsumieren, aber konsumieren müsst ihr! Konsumiert! Damit wir (also Musk, Toyoda, Klatten und Quandt) weiter Geld verdienen mit euch! Konsumiert diese fairen Öko-Sneaker! Konsumiert hier diese vegane bio-Soja-Weizengluten-Leberwurst! Scheiß egal, wenn der große Fleischkonzern, der die bio-Soja-Weizengluten-Leberwurst produziert weiter Kühe verarbeitet, die zuvor mit Antibiotika vollgeballert wurden, um nicht zu spüren, wie sie lebendig tot sind, in Einquadtratmeterställen ohne Sonnenlicht. 

Wer ist der Anthropos? Und was hat nicht nur die Biologin, Anthropologin und Posthumanistin Donna Haraway gegen ihn, sondern auch ich? Ich glaube, das ist jetzt klar geworden. 

Was bleibt also vom Anthropozän, wenn der Anthropos nicht mehr da ist? Ehrlich gesagt weiß das niemand so wirklich, das Materialverbundpaket ist frei erfunden. Man kann sich nur vorstellen, dass zum Beispiel irgendwelche Isotope in einer Millionen Jahre überall auf dem Planeten nachweisbar sein werden, die menschlichen Ursprungs sind – beziehungsweise durch Kernspaltung oder eine atomare Explosion – wie die in Nagasaki oder jene in Hiroshima – erschaffen wurden. Reste von Zerstörung. Zerstörung, die nicht durch die Menschheit an sich, sondern durch einige Wenige ausgeht. 

Vielleicht ist auch die Frage nach dem was bleibt nicht die Richtige. Wen interessiert überhaupt was bleiben wird? Wir wissen nicht, wer X sein wird. X wird es womöglich auch ganz egal sein, ob es uns gegeben haben wird. Für die planetare Geschichte ist es total egal ob wir existieren. Wir – wenn es ein Wir überhaupt gibt – sind nur ein kleiner Moment, eine Sekunde in der Lebensspanne des Planeten Erde. Deshalb die letzte Frage: Ist die Idee des Anthropozäns nützlich, um über uns Menschen, unseren Verbleib oder unsere Einordnung in der Planetengeschichte nachzudenken. Wie ich schon am Anfang dieses Textes angedeutet habe, muss man die Idee des menschlich geprägten planetaren Zeitalters in einen politischen Kontext setzen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Paul Crutzen und Co auch einfach krass abgefuckt waren, dass am Anfang des 21. Jahrhunderts die meisten von uns und vor allem die Mächtigen und Reichen von uns nicht gecheckt haben, was für katastrophale Auswirkungen die Industrialisierung, der Kapitalismus, der Globalismus und all das auf den Planeten als ganzen hat und haben wird. Und vor allem nicht verantwortungsvoll mit dieser Information umgegangen sind und immer noch umgehen. Was Paul Crutzen und Co aber auch übersehen haben, war, dass ihr universalistisches von der Globalisierung selbst geprägtes Bild einer Menschheit die zusammen als eine einheitliche geologische Kraft agiert (also einem Wir), Verantwortungen verwischt. Kurz: es ergibt vielleicht nicht so viel Sinn vom Anthropozän zu sprechen, sondern besser wäre zum Beispiel vom „Kapitalozän“, „Plantagenozän“, oder „Racial Capitalocene“ zu sprechen. 

Am Ende bleibt vom Anthropozän also vielleicht weniger eine Epoche als eine Zumutung. Eine Zumutung, genauer hinzusehen. Nicht auf „den Menschen“, nicht auf ein abstraktes Wir, das sich so leicht sagen lässt, sondern auf die konkreten Verhältnisse, in denen dieses Wir überhaupt erst produziert wird. Denn wenn der Anthropos nie einer war, sondern viele – und wenn einige von ihnen sehr viel mehr Spuren hinterlassen als andere –, dann ist das Anthropozän kein neutrales geologisches Zeitalter. Es ist ein politischer Begriff. Einer, der entweder verschleiert oder offenlegt.

Vielleicht liegt genau darin sein Wert: nicht darin, eine neue Epoche sauber zu benennen, sondern darin, Unruhe zu stiften. Eine, die uns zwingt zu fragen, wer handelt, wer entscheidet, wer profitiert – und wer die Konsequenzen trägt. Und vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, was in einer Million Jahren von uns übrig bleibt. Ob es nun Isotope sind, Materialverbundpaketabdrücke oder gar nichts. Sondern darum, was wir jetzt sichtbar machen – und was wir weiterhin unsichtbar lassen. Das Anthropozän ist dann kein Endpunkt, keine Diagnose, sondern ein Anfang. Ein unscharfer, umkämpfter Begriff, der uns gerade deshalb etwas angeht, weil er uns nicht in Ruhe lässt.

Was wir aus ihm machen, ist noch offen.



❶ Die Biologin, Anthropologin und post-Humanistin Donna Haraway schreibt über die mythischen Figur des Anthropos: „Werkzeug, Waffe, Wort: Das ist das fleischgewordene Wort als Abbild des Himmelsgottes; das ist der Anthropos. Das [Anthropozän] ist eine tragische Geschichte mit nur einem wirklichen Akteur, mit nur einem wirklichen Weltenmacher, dem Helden; das ist die maskulin menschenmachende Erzählung des Jägers, der aufbricht, um zu töten und die schreckliche Beute zurückzubringen. […] Alle anderen in dieser dummen, phallischen Geschichte (prick tale) sind Requisiten, Gelände, Raum der Spielhandlung oder Opfer. Sie sind egal; […].“

❷ Die Bezeichnung Holozän stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet sinngemäß „das ganz Neue“ (ὅλος hólos ‚ganz‘ und καινός kainós ‚neu‘).