NR. 03 / ANTHROPOZÄN / OUT NOW

Modelmappen, Battlerap und Stühle aus der DDR


Wie wir wurden wer wir sind


Februar 2025, Jana Rudelstorfer und Jonas Töpfl treffen sich wie so oft zum - ja, warum eigentlich? Oft fehlen die Gründe, trotzdem machte man am Ende aber doch immer irgendwas. Meistens was Kreatives. Sie hingen rum, rauchten viel und besprachen noch mehr. Jana würde gerne eine Modelmappe erstellen, erzählt sie. Ihr fehlen aber noch die Bilder, und erst recht jemand, der sie schießt. Prompt zückt Jonas sein Handy, Jana schmeißt sich in Pose und die Mappe wird befüllt. Die Laune ist geweckt, Jonas erinnert sich an Fotoshoots, die er in der 032c gesehen hat, umgedrehte Kreuze als Make Up. Das könnten wir doch auch machen, beschließt er, Jana schminkt sich und Jonas überlegt den Shot.



   
 im Bild: Jana Rudelstofer

“Wir machen so viele coole Projekte gemeinsam, eigentlich sollten wir mal nen gemeinsamen Instagram-Account machen und alles dort hochladen", sagt Jana. Jonas findet die Idee peinlich. ‘Das wirkt wie etwas, was so 16-jährige Kinder machen, um die ersten Saufbilder zu posten’, denkt er sich. Aber die Idee blieb hängen. Auf der Autofahrt nach Hause, die beiden wohnen, je nach Tageszeit, ca. 40 Minuten voneinander entfernt, ließ ihn die Idee nicht los. ‘Aber wir kennen doch beide so viele andere coole Personen, die alle tolle kreative Projekte haben.’ - ‘Die sollten wir doch auch irgendwie mit einbauen…’ - ‘Evtl. einen Account, auf dem alle über ihre Projekte schreiben können. ’

Dann kam zu all dem noch eine neu aufgekommene nostalgische Liebe (vielleicht auch Ausdruck einer Quarterlife Crisis) hinzu. Jonas liest zu diesem Zeitpunkt seit neuestem wieder Magazine. Eins nach dem anderen, zwar nicht über Käfer und Natur wie früher, sondern jetzt Kunst und Kultur Magazine wie z.B. das Monopol, das Wetter, 032c und alles, was im Buchladen sonst noch erschwinglich und schön ist. ‘Was, wenn wir ein Magazin machen, aber weniger von oben herab…’ - ‘Irgendwie nahbarer…’ - ‘Wir zeigen Kunst als etwas, was uns alle umgibt - auch außerhalb von Ausstellungen und die Leute im Umfeld lassen wir schreiben und erzählen und sich am besten noch irgendwie künstlerisch ausleben.’

Die Nostalgie machte sich aber nicht nur gedanklich bemerkbarer. Sie war kaum zu überhören. Viel zu laut liefen im Auto alte Battleraprunden aus dem VBT. Sei es Weekend, der Plot, Steasy oder Frank Hemd, eine Runde nach der anderen hörte man Track für Track die kreativsten Arten zu bekunden, dass man doch cooler als sein Gegner sei. Die Playlist shuffled weiter durch Battles verschiedener Ausgaben der 10er Jahre und auf einmal dann:

MC Baum gegen Smitty. Smitty war zu dieser Zeit als Rapper bekannt dafür, prätentiös rüberzukommen und so zu tun, als wäre er großer Künstler. MC Baum hingegen war im Turnier, weil er mit seinen Freunden ein Losverfahren gewonnen hatte und einfach aus Spaß mitgemacht hat. Baum und seine Entourage hält Smitty vor, er nehme sich zu ernst, er wäre kein Künstler, mache lediglich andere nach und vielleicht sei er ja eigen, deshalb aber auch noch lange nicht gut. So hält ihm beispielsweise einer von Baums Featuregästen entgegen: “5- in Mathe doch nh 3+ in Kunst, die Aufgabe lautet Stillleben - du zeichnest nen Hund.“
 



Hier die Runde (Aber beachtet: Battlerap aus den 10er Jahren, shout out an die jungs vom Prenzlberg)



Doch abgesehen davon rappt MC Baum eine Line, die von da an alles bestimmen sollte.

“Du und deine Freunde sind so Kunst, ihr habt ein Stammcafé” 

‘Stammcafé!?!’ ‘Das passt doch, das ist so nahbar, wir machen ein Magazin in dem man Dinge erzählt als würde man sie seinen Freund*innen im Café erzählen. Wir besprechen Themen, die uns im Freundeskreis interessieren würden und was sonst so abgeht in der Welt.’ Der Gedanke ließ nicht los. Die Autofahrt erschien jetzt noch viel länger als sie eigentlich war. Das machte die Vorfreude und Aufregung. Zuhause angekommen wurde erst einmal Jana davon berichtet und quasi im selben Augenblick noch online und auf Instagram gecheckt, ob @stammcafe und stammcafe.com noch zu haben sind. Beide waren frei und die Idee somit in Jonas Kopf nicht nur valide, sondern jetzt auch besiegelt. 

Doch was jetzt, wie machen wir jetzt weiter, was braucht ein Magazin? Wir brauchen ein Thema, Gäste, wir brauchen Autor*innen und eine Website - ganz schön viel…

Das Thema wurde verbunden mit der Flucht in Nostalgie, aus der die Idee entstand, Eskapismus. Als Gäste durchforsten Jana und Jonas ihre Instagram Kontakte, woraus später die Gäste lovehead, Serpentin, Francois Weinert, Franz Bergmüller, Lisa Spielvogel und nach einem späteren Konzertbesuch noch die Band Purple wurden. Autor*innen waren auch schnell klar. Dafür hält der Freundeskreis her. Zumindest alle von denen wir wussten, die können schreiben oder von denen wir es zumindest plausibel glauben konnten. Theodor Herbst skizzierte alle im Team und Lisa Spielvogel malte das erste Cover. Dann aber der wohl schwierigste Punkt: Wie veröffentlichen wir das?

Schnell wurde bemerkt - eine Website erstellen können eigentlich beide nicht. Also muss jemand Neues her. Gefunden wurde Nina Dür. Eine Grafikerin, die vor allem deshalb gefragt wurde, weil sie der einzige Kontakt beider in diese Fachrichtung war. Doch diese ‘ja wird schon werden' - Entscheidung, machte sich schnell auch als die beste Entscheidung des Projekts bemerkbar. (Ihr seht es ja gerade auch selbst auf dieser Website. Nina ist wohl der größte Glücksgriff aller Zeiten.)

Also schreiben wir los. Die ersten Interviews wurden abgehalten und tolle neue Menschen kennengelernt. Es geht um Flucht in verschiedene Medien und Welten. Die unterschiedlichsten Kunstformen, um alles was die Hitze sonst noch so aus den Autor*innen herauskitzeln konnte und um einen Stuhl.




Ernst Moeckls Z-Stuhl, ein Designspektakel der DDR, gerne auch verunglimpft als der Panton Stuhl der DDR. Ein eigentlich fast schon routinemäßiger Artikel für ein Kunstmagazin. Doch der in Oberösterreich verfasste Artikel weckte etwas in Norddeutschland. Der Stuhl drängte sich bis nach Hamburg in die begeisterten Augen von Nora Feldhaus, eine Autorin und Koryphäe verschiedenster Gebiete, die daraufhin eine Nachricht auf Instagram schrieb. Sie habe den Artikel gelesen und Lust da mitzumachen. Der zweite Glücksgriff. Aus Nora wurde kurzerhand die Frau Chefredakteurin Feldhaus und mit ihr in dieser Rolle bestreitet das Magazin jede Ausgabe seit Creature Comfort.




Seither bewerben sich immer wieder neue Autorinnen und Autoren und Kulturschaffende jeder Richtung aus den verschiedensten Ecken des (meist) deutschsprachigen Raumes. Nach der Zweitausgabe folgte der nächste große Schritt. Das Magazin wurde größer und die Anforderungen ernster. Es braucht neue Strukturen. Aus dem Magazin geht der Verein Kunstkulturtext, gegründet von den Redaktionsmitgliedern Jonas Töpfl, Nora Feldhaus, Nina Dür, Lisa Spielvogel, Xiangqian Liu und Jana Rudelstorfer sowie den damals noch externen Personen Leonie Streibl und Manja Coenen, hervor, welcher zum einen dazu da ist, das Magazin zu organisieren und zu veröffentlichen, zum anderen aber ist er dazu da Kunst und Kultur auf verschiedene Arten zu fördern und jungen Kulturschaffenden Bühnen zu bieten. Eine dieser Bühnen ist das Magazin, andere Bühnen sind Kollaborationen mit Kulturräumen, wie beispielsweise das studio12 in Passau, oder Veranstaltung eigener Konzerte und Ausstellungen. Heute leitet das Magazin Nora Feldhaus unterstützt durch Nina Dür und den Verein Kunstkulturtext mit dessen Mitgliedern. Herausgegeben wird das Magazin von Jonas Töpfl unter dem gemeinsam beschlossenen Leitsatz: 

Stammcafé ist als Online-Magazin für Kunst, Kultur und all das, was junge Menschen im Café besprechen, gedacht. Wir setzen uns voraus, Kultur als etwas Nahbares zu zeigen. Junge aufstrebende Künstler*innen und Autor*innen sollen dabei besonders beleuchtet und in die Welt getragen werden.

In Sprache und Handeln gilt es einen inklusiven Raum für unsere Leser*innen und Autor*innen, als auch für unsere Stammgäste zu schaffen. Wir sprechen uns offen gegen klassistische Strukturen, Hass aufgrund von Herkunft, Aussehen, sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität und jeglicher Form der Diskriminierung aus.

Die Autor*innen sind in der Wahl ihrer Themen und Ausübung eigener Stile völlig frei, solange diese unsere Werte nicht verletzen.




Stammcafé ist nicht nur unserer Selbst gewidmet, sondern auch und vor allem unseren Leser*innen. Daher verpflichten wir uns als Magazin, Feedback unserer Leser*innen ernst zu nehmen, Möglichkeiten zur Themeneinsendung zu bieten, aber auch offen für neue Autor*innen in unserer Redaktion zu sein.

Kunst und Kultur darf kein Raum für Ausgrenzung sein. Unser Handeln dient dem Zweck, Kunst und Kultur als etwas All umgebendes zu zeigen.