Katastrophen-protokoll
oder Das Zugrundegehen der (fiktiven) KleinstadT»Welche Rolle würdest du in einer postapokalyptischen Welt einnehmen?«, fragt ein Freund. Wir sitzen im Garten, trinken Bier und spielen, ironischerweise, Risiko. Er ist kurz davor, Amerika zu erobern, während ich verzweifelt versuche, Europa zu verteidigen. Ich lache kurz und gebe ihm zu verstehen, dass sein Konsum an Zombie-Serien bedenklich ist. Er zuckt mit den Schultern und macht sich bereit für den nächsten Angriff.
[Zukunft]
Zwei Jahre später, im April, stürzt der Mann, der jetzt im Obergeschoss des alten Finanzamts wohnt. Er stürzt nicht, weil er alt ist. Er stürzt wegen der Eisschicht, die sich nachts auf dem Gehsteig gebildet hat. Niemand hat Salz gestreut. Wer würde im Frühling auf die Idee kommen, Salz zu streuen? Prävention lohnt sich in vom Aussterben bedrohten Terrain nicht.
Der Mann ruft die Rettung. Sie bringen ihn nach Weißnichtwohin. In der Kleinstadt gibt es kein Krankenhaus mehr. Rentiert sich nicht. Niemand weiß, ob er die Fahrt überlebt hat. Offiziell gilt der Transport als erfolgreich. Die Statistik ist zufrieden.
Ein junger Mann, vielleicht zwanzig, sieht den Rettungswagen an sich vorbeirasen. Ein Gemeindearbeiter, der ihn über den Hauptplatz gehen sieht, meldet es verärgert dem Bürgermeister. »Sie sind wieder da, die Jugendlichen.« »Was? Ich dachte, wir hätten sie ausgerottet.« Die beiden lachen.
Die Sorge der beiden Männer erweist sich als unbegründet. Der junge Mann ist nur auf Durchreise. Nichts würde ihn in dieser Stadt halten. Es gibt weder Infrastruktur noch Perspektive. Geschweige denn Cafés, die länger als 17 Uhr offen haben und in denen ein vertretbares Weltbild existiert.
Eine müde Mutter spaziert mit ihrer fünfjährigen Tochter durch den Park. »Dort auf der Wiese haben wir früher immer Geburtstage gefeiert.« Sie zeigt mit zittriger Hand auf einen Betonklotz, auf dem in großen Lettern KONSUM steht. Von der Wiese keine Spur mehr. Sie sei ohnehin allergisch auf Bienen gewesen, erzählt die Mutter. Biene ist für die Kleine ein Fremdwort. Kann man die Wiese im Supermarkt kaufen?
Es ist Anfang Mai und es schneit.
Es ist Mitte Juli, und die Straßen sind wie leer gefegt. Vierzig Grad. Manche wenige haben in eine Klimaanlage investiert. Andere zerfließen und werden eins mit dem Asphalt.
Es ist Ende August, und das Wasser tritt über die Ufer. Zuerst nur ein wenig, dann steht der Keller meiner Nachbarin unter Wasser. Wir tragen nasse Möbel in den Garten. Sie erklärt, dass sie ohnehin immer mal minimalistischer leben wollte.
Es ist September. Der Wald sieht aus wie ein Schlachtfeld. Gefallene Bäume überall. Anstatt die toten Stämme dem Ökosystem zu überlassen, hieven die gelben Greifarme das Holz weg, und übrig bleibt ein karges Bild. Jetzt sind auch die Vögel weg. Der Tag, an dem die Menschen verschwinden, wird wahrscheinlich als offizielles Schreiben mit dem Titel »Anpassungsmaßnahmen« in die Annalen eingehen.
[Gegenwart]
»Ich bezweifle ohnehin, dass ich die Apokalypse überleben werde«, antworte ich, während ich meine Truppen vom Spielbrett nehme.
ROSA PFEILER TEXT
FIONA BELLA IMNITZER BILD
FIONA BELLA IMNITZER BILD