Katatropic: zwischen den Klängen und immer im Groove
Montag ist Interviewtag beim Stammcafé! Zeitgleich treffen Fiona, die Fotografin des Tages, und ich bei der Wohnung am Schottentor ein, die der offizielle Meet Up Spot von Katatropic ist, der Band, die wir heute treffen werden. Aber erst einmal heißt es, sich rauf in den siebten Stock zu schleppen, denn wenn Altbauwohnungen mit Wiener Charme einen Nachteil haben, dann ist es oftmals der fehlende Lift. Oben angelangt werden wir schon erwartet und nach unseren Getränkewünschen gefragt: Kaffee oder Bier? „Erst der Kaffee und dann das Bier, die perfekte Reihenfolge“, meint Fiona dazu. Unterschreibe ich so. Gestärkt können wir loslegen und auf dem Teppich im Wohnzimmer Platz nehmen, dem man ansieht, dass es zumindest von einem Musiker bewohnt wird, bei den zahlreichen Gitarren und dem Musikzubehör.
So sitzen sie nun alle erwartungsvoll mit mir im Kreis, die Mitglieder der jungen Wiener Band Katatropic. Fast alle, denn Saxophonistin Jasmine und Keyboardspieler Andi, können leider nicht dabei sein. Im Hintergrund läuft – natürlich – hipper Jazz und nach einigem Rumgewitzel und Neckereien starten wir unser offizielles Gespräch. „Vorstellungsrunde“, ordne ich an.
Da ist, im wahrsten Sinne des Wortes, das jüngste Mitglied, Neuzuwachs und „Golden Boy“ Arthur, der Bass spielt. Neben ihm Lorenz, der quirlige Trompetenspieler der Gruppe. Franky, oder Franz Perko, Bewohner der urbanen Altbauwohnung, spielt Gitarre. Die Sängerin und Songwriterin Elena wirkt wie das Herzstück der Band. Und schließlich Yanick, der sich meistens an den Drums verausgabt, aber auch Percussion übernimmt.
Wie ist Katatropic so, wie sie heute hier vor mir sitzen, überhaupt entstanden? Franky erzählt von den Anfängen, als Yanick und er, die schon seit acht Jahren zusammen Musik machen, noch im Kinderzimmer übten. Oder zunächst „rumspielten", wie der Gitarrist es beschreibt, damals noch mit anderem Keyboarder. Mit der Zeit kristallisierte sich die musikalische Richtung heraus, in die es die Jungs zog, und als Elena dann dazu kam, hatten die frischen Klänge auch eine Stimme.
Die ersten Konzerte folgten bald, damals noch unter dem Namen Sigma, wie die Band lachend gesteht und beteuert, dass das vor Zeiten des Meme gewesen sei. Eine harmlose Referenz zum griechischen Buchstaben, aus Yanicks und Frankys Feder, die nicht nur Musiker, sondern auch Physiker sind. Auch der Sound sei noch ein anderer gewesen – jazziger. Als reinen Jazz würde man die explosive Stilmischung jetzt nämlich nicht mehr beschreiben. Mit neuen Bandmitgliedern und Einflüssen kamen neue musikalische Wege und ein neuer Name. Seit ungefähr zwei Jahren sind sie nun also so, wie sie eben sind: „Groovy, sexy“, wie Franky nicht ohne Ironie grinst, und sicher noch einiges mehr. Mit dem Namen Katatropic wollte die Band nichts Spezielles ausdrücken, auch wenn man dabei gleich an tropisches, schwungvolles Chaos und Farbexplosion denkt, was ja tatsächlich wie angegossen passt. Es könnte allerdings auch der Name eines Fruchtcocktails sein. Auf jeden Fall ist er „purely random, ein Einzeller sozusagen“, erklärt Yanick. Weiter erzählt er von dem Knopf auf Wikipedia, „show a random page“, der 40-mal von ihm gedrückt wurde. Beim 41. Mal stand da „Neotropic“, was dann zu Katatropic wurde. So viel dazu. Es gäbe nur viel Potenzial, ihn falsch auszusprechen. Da sind der Gruppe schon so einige skurrile Aussprachen begegnet.
Nun wage ich die Frage zu stellen, der alle sonst gerne elegant ausweichen: In welches musikalische Genre würdet ihr euch einordnen, natürlich nur wenn ihr es müsstet. Wenn sie müssen, und das tun sie ungern, wäre es wohl Afro-Beat Jazz. Es gibt aber auch Reggae-Elemente, R&B-Sounds und allerlei weitere Einflüsse. Der Mix, der daraus gewachsen ist, lässt sich schwer einem einzigen Genre zuordnen. “Hauptsache tanzbar”, sagt die Band. Das kann ich nur bestätigen – Stillstehen bleibt bei Katatropic Konzerten wirklich niemand.
Der nächste Bandzuwachs war dann Lorenz, der Yanick beim Auslandsdienst in New York kennenlernte. Damals schon verband sie die Leidenschaft für gute Musik, und als Lorenz dann nach Wien zog und bei einer Probe vorbeischaute, führte eines zum anderen. „Still here, never left“, so Lorenz. Alles ein glücklicher Zufall oder musikalisches Schicksal? Was Neuzuwachs Arthur betrifft, so muss man dazu sagen, dass auf dem Album vieles noch mit dem alten Bassisten aufgenommen wurde. Doch jetzt ist die Band mehr als froh den „next big upcoming bassist“ mit an Bord zu haben, wie sie ihn liebevoll bezeichnen. Mit dem bereits bestehenden Repertoire, nicht einfach, weil sehr lange und vielfältige Songs, hat er sich erstaunlich schnell vertraut gemacht, bestätigen alle. Und sogar einen wieder neuen, mehr jazzigen Touch mitgebracht, nebst einem Gespür für Harmonie, was den Aufbau der neuesten Songs komplexer machen würde.
Also, eigentlich sind alle Freizeitmusiker, auch wenn die Musik teilweise mehr Zeit einnimmt als die anderen Karrieren, erzählt Elena, die Medizin studiert. Yanick und Franky sind wie gesagt Physiker, Lorenz studiert Rechtswissenschaften, und Andi „kann alles“, ist Instrumentenbauer und studiert AI, während Arthur noch seinen Zivildienst absitzt. Nur Saxophonistin Jasmine studiert auf der MDW. Mal wieder ein Beweis dafür, dass man kein Studium braucht, um großartige Musik auf die Beine zu stellen. Mit mehr Konzerten und Bekanntheit wird die Band jedoch immer zeitaufwendiger. Aber alle sind mit Energie dabei, weil sie es gerne machen, nicht weil sie müssen, und genau das sei wahrscheinlich das Gute daran laut Elena. Sie wollen sich nicht auf ein konkretes Ziel oder Zukunftsvorstellungen versteifen, sondern einfach die gemeinsame Zeit genießen und Spaß an der Musik haben. „Wenn es fun ist, ist es fun und dann let’s do it, und wenn nicht dann nicht“, fasst Franky es achselzuckend zusammen.
“Und was sind so die Persönlichkeiten in der Band neben euren Instrumenten?” Franky ist Mr. Social Media, da sind sich alle einig. Elena ist die Managerin, wenn es um Bookings und Organisation geht und bastelt auch selbst die funky Ohrringe, die beim Merch zu finden sind. Außerdem ist sie, wenn man so will, das Gesicht der Band, nicht zuletzt „weil sie so toll aussieht“, wie die Jungs gutmütig unterstreichen. Lorenz ist der Entertainer, außerdem kann er alle möglichen Dialekte und Stimmen nachahmen, wovon ich auch gleich eine Vorführung erhalte, begleitet von einer allgemeinen Lachpause. Arthur beeinflusst mit jugendlichem Vokabular und ist „die einzige Connection zur Gen Alpha“. Auch wenn alle empört reagieren, als ich auf den Altersunterschied hinweise. Yanick wiederum wird mit dem Titel „Musical Mastermind“ gekrönt, er leitet, in welche Richtung es geht, und hätte immer starke Meinungen laut Franky. Naja, irgendwer muss schließlich den Schubs geben, damit man sich vom Tschick rauchen und tratschen, zum Musik machen aufrappelt. Yanick: „Als Drummer hat man viel Macht.” Auf jeden Fall wäre das gemeinsame Schaffen ein „sehr organischer Prozess“, so Lorenz, in dem jeder seinen Beitrag leistet. Das Ergebnis sei meistens eine Mischung aus „complicated shit“ und „nice to listen to“, ergänzt Yanick. Sie spielen einfach gerne miteinander und sind gut darin, einander zuzuhören und die Stärken aller Individuen zu einem Gesamtkunstwerk zusammenzuführen. Dabei entsteht das meiste durch Improvisation, bei der dann das wiederholt wird, was gefallen hat. Die Lyrics stammen alle aus Elenas Feder, die während den Sessions Inspiration sammelt und den gefundenen Harmonien anschließend ihre Geschichten andichtet. Oder es ist bereits etwas passendes parat, denn alles, was ihr so im Alltag an schwungvollen Lines einfällt, wird direkt notiert. „Verschiedene Gedanken vermischt mit Weltgeschehnissen oder Erlebnissen“, beschreibt die Sängerin ihre Texte. Die Idee für Waves of Change mit der Refrain Zeile „can you see the ice is melting underneath our feet“, kam ihr beispielsweise beim gemeinsamen Eislaufen auf dem Weißensee in Kärnten.
Neugierig bin ich über „das Haus“, den geheimen Rückzugsort der Band in der tiefsten Steiermark, wo sich hin und wieder für die „Band-Woche“ zurückgezogen wird, um sich gemeinsam vom Alltag abzuschotten, neue Musik zu schaffen und ein bisschen dem kollektiven Wahnsinn zu verfallen. In ihrem Song Feel so Light, der erst diesen Monat erschienen ist, begleitet vom ersten professionell produzierten Musikvideo (check it out, ich tanze darin ;)), geht es im Endeffekt um “dieses Haus”, oder zumindest den individuellen Rückzugsort, an dem man sich leichter fühlen kann und die Füße tanzen wollen. Auch die Geräuschkulisse im Wohnzimmer wird oft mit recorded. So kam es zu dem Titel des brandneuen und ersten Albums „Advanced Living Room Music“, das im im März 2026 herauskam. Die Vision für den Sound? Es soll sich beim Hören so anfühlen, als würde man im Wohnzimmer Musik hören, aber nicht zum Chillen, sondern so richtig zum Tanzen, erklärt Elena.
„Ja, es soll sich wie die coolste Home Party überhaupt anhören, wo ein Homie dir die besten Tracks auf einer guten Anlage zeigt“, präzisiert Franky. Im Endeffekt ist es ein sehr persönlicher Potpourris, sozusagen ein Sound der letzten gemeinsamen Jahre. Die Nummern mit Reggae Einfluss kommen zum Beispiel eigentlich daher, dass ein Reggae Album, mit dem Franky und Yanick eine Obsession hatten, mindestens siebzehn Mal auf einer Autofahrt angehört werden musste. Die Produktion für das Album machte die Band selbst, ein ziemlich langer Prozess, an dem seit Oktober gearbeitet wurde.
Nun feierte Katatropic gebührend Ende März mit einem großen Release Konzert im Flucc, bei dem sie das ganze Album erstmals live spielten und damit eine ganz besondere Stimmung schufen, denn die Songs gingen in ihrer Vielseitigkeit unter die Haut. Advanced Living Room Music ist ein richtiges Konzeptalbum geworden, das man in einem Rutsch durchhören kann und das sich vor allem durch Übergänge zwischen den einzelnen Tracks auszeichnet.
Fiona kommt noch auf die Planet Festival Tour, eine der größten Life Musik Contests Österreichs, zu sprechen, bei der die Band im vergangenen Frühjahr den zweiten Platz abräumte. Schwierig dabei war, alles in 25 Minuten unterzukriegen, was Katatropic so ausmacht – besonders herausfordernd bei den überlangen Songs, die alle der klassischen drei Minuten Länge entsagen. So ist auch die Idee mit den Übergängen zwischen den einzelnen Nummern entstanden, was sie sich seitdem beibehalten haben.
Eine letzte Frage bleibt aber noch: Warum das – sehr abstrakte, aber doch bei genauerem Hinsehen als Schildkröte identifizierbare – Motiv als Logo, das einige Bandmitglieder auch schon auf der Haut verewigt haben? Yanick liefert eine komplizierte Erklärung à la Physik, die kurz gefasst erklärt, dass es sich um ein aperiodic monotile handelt: die einzelne spezielle Form, mit der man eine Fläche, zum Beispiel ein gekacheltes Badezimmer, lückenlos auslegen könnte, ohne dass sich dabei das Muster wiederholt. Interessant zu wissen…
Einen Ausblick für weitere Projekte gibt es auch bereits, denn es werden schon wieder fleißig neue Songs geschrieben, weil fast bei jeder Jam Session etwas Potenzielles dabei ist. Im Sommer wird viel zusammen gespielt werden. So werden sich sicherlich nicht nur die bestehenden Songs weiterentwickeln, sondern auch neue „on the road“ entstehen, wenn Katatropic auf ihrer ersten kleinen Festivaltour in Österreich und Deutschland unterwegs ist. In Wien ist die Band als nächstes am 24. April im renommierten Jazz Club Porgy & Bess zu sehen. Unbedingt vorbeischauen und tanztaugliches Schuhwerk tragen!
Zu guter Letzt bitte ich jeden um ein Schlusswort, um zu beschreiben, was Katatropic für jeden persönlich ist. „Für mich ist Katatropic meist hinten höher als vorne“, meint Arthur und weiß damit wohl selbst nicht so ganz, was er eigentlich aussagen will. Lorenz macht weiter. Für ihn ist Katatropic eine große Family, „und alles hat ein Ende, nur die Wurscht hat zwei“, fügt er noch hinzu. Franky hat sich ganz besonders Mühe gegeben und verkündet angestrengt: „Wenn der Bass dich nicht zum Niesen bringt, Katatropic nicht in deiner Stadt singt“. Gut improvisiert. Elena, ganz Businesswoman und nicht ohne Selbstironie: „Für mich ist Katatropic ein Mindset.” Yanick hat es nicht geschafft sich in den vierzig Sekunden etwas Tiefgehendes zu überlegen, aber Fiona rettet ihn und schlägt, mit Bezug auf seinen heißgeliebten aperiodic monotile, vor: „Die eine Fliese, die das ganze Bad ausfüllt“.
Band:
ARTHUR RIEDNERBass
YANICK WILLERTDrums/ Percussion
FRANKY (FRANZ PERKO)Guitar
LORENZ WEINRAUCHTrumpet
JASMINE ZHANGSaxophone, Flute, Backing-Vocals
ANDREAS NEUNDLINGERKeyboard, Synthesizer, Percussion, Backing-Vocals
ELENA SPOERLMain-Vocals
JAKOB WINNEKEPercussion