Vom Menschen und der Natur oder die Ordnung des Chaos
1.
Wie viel Natürliches steckt noch in dem, was wir als Natur wahrnehmen? Wandelnd durch einen zum Forst gemachten Wald stehen die artgleichen Bäume in grotesk geraden, geordneten Reihen da.
Der Untergrund, der für ein einfacheres Umherstreifen größtenteils geebnet wurde, ist vom Waldboden zum zu dicht zusammengepressten Forstweg geworden. Über diesen laufen und fahren die Menschen auf der Suche nach natürlicher Zerstreuung, in der nicht mehr zu findenden Ungeordnetheit eines Forsts, der mal ein Wald war.
Dies mag von Zeit zu Zeit so beunruhigend wirken, da der Forst in seiner immer gleichen menschlichen Ordnung keine sinnvolle Unordnung bietet und somit eine Zielgerichtetheit, hin zu keinem Ziel, unmöglich macht. Deshalb hat der Mensch sich Aussichtstürme gebaut, damit er ein Ziel vor Augen hat. Von diesen kann er die Natur und den Forst distanziert genug betrachten, um den menschlichen Einfluss zu verneinen. Von dort oben kann man sich besser vorstellen, wie Rudel von Rehen durch das dichte Dickicht streichen, das es nicht gibt.
Gerade in einem solchen Forst besteht die Lust darin, sich in der Ordnung das Chaos zu finden und eben dahin zu gehen, wo es keine Wege gibt oder man sich diese selbst suchen muss.
Dort zum Beispiel, wo der Pfad eines Feldes hin zum See im Nichts endet und man vor einem, nur noch von kleinen Grasinseln und Ästen gespickten, Morast steht, sich seinen Weg bahnt, bis man am Ufer eines halb gefrorenen Sees steht – Umgeben von hohem, im kräftigen Winde wippenden Schilf – und ein Schwarm Graureiher sich aus dem Nichts erhebt. Und dann im Kampfe mit dem Wind immer höher steigt, sich ordnet und schließlich wieder im Nichts des Horizonts verschwindet.
Gerade in einer so geordnet chaotischen Welt, in der die Natur bis auf Weiteres überwunden scheint, der Mensch größer und mächtiger wirkt, das Grün des Stadtparks, Straßenbäume und Forste sind, liegt die Ruhe der Natur dort, wo sie noch nicht gebändigt und überwunden scheint, sondern man sich von ihr verschluckt und als heimlicher Besucher fühlt.
11.
Das emotionale Verhältnis des Menschen zur Natur legt sich in seiner Gänze in Form eines Kleingartens dar: Begreift man den Menschen nun einmal als Tier, der als solches aus der Natur kommt und dessen natürlicher Lebensraum somit auch die Natur und nicht die Stadt ist, wird klar, weswegen der Mensch sich gern mit Natur umgeben will.
Allerdings ist die Natur, aus welcher der Mensch entsprungen ist, also in ihrer Urform für ihn unübersichtlich und gefährlich.
Mit der Natur im Garten ist es dann wie mit dem Wolf und dem Hund beziehungsweise dem Menschen und dem Wolfshund. Irgendwann hat der Mensch erkannt, dass der Wolf einen Nutzen als Begleiter für ihn hat. Doch man störte sich an seiner unkontrollierbaren Wildheit. Also begann man, ihn zu stutzen, ihm Grenzen zu setzen und ihn in seiner Beschaffenheit zu kontrollieren. Als nun die Beine des Hund gewordenen Wolfes nicht mehr lang genug waren, uns zu jagen, seine Zähne nicht mehr scharf genug, uns zu reißen, und sein Geist nicht mehr klar genug, uns zu hinterfragen, durfte er bleiben und uns als Untergebener umgeben. Der Hund, der nach diesen Eingriffen übrig bleibt, ist das, was der Garten im Vergleich zum Wald ist. Wenn dessen Dickicht nicht mehr dicht genug ist, dass sich Räuber in ihm verstecken können, seine Pflanzenfülle nicht mehr groß genug, dass man nicht mehr aus Versehen eine giftige Pflanze isst, und seine Wiesen nicht mehr weit genug sind, dass wir uns auf ihnen verlieren können, dann soll uns der zum Garten domestizierte Wald umgeben. Der Mensch strebt nach domestizierter Natur, egal ob Zimmerpflanze, Garten oder Park. Solange wir die Natur beherrschen, beschneiden und in Beete fassen können, ist sie gut. Doch wenn sie uns bedroht, dann muss sie weg.
Doch was, wenn man der Natur genau damit ihren Erholungsfaktor raubt? Stellt man sich nun einen klassischen Klein- oder Lustgarten vor und überlegt, in welchem Verhältnis der Mensch beziehungsweise die Gärtnerin oder der Gärtner zu ihm steht, so kann man den Garten als Minimalkosmos und den Menschen als dessen Gott fassen. In diesem Raum ist der Mensch allmächtig. Er kann säen, ernten, wässern, graben, fällen und töten, wie er will. Doch mit dieser Macht über den Garten kommt auch die Fürsorge für ihn. Der Mensch kann den Garten nach seinen Belieben ordnen, doch hört er einmal damit auf, wird der Garten sich wieder seine eigene Ordnung suchen und dem Menschen als ungepflegt erscheinen.
Somit kann der Mensch sich nicht einmal in diesem - nur der Erholung und Entspannung gedachten - Raum gänzlich entspannen.
Die Entspannung der Natur liegt nämlich darin, das scheinbare Chaos nicht als solches, sondern als nicht erschließbare Ordnung zu sehen, die man aufgrund der Unzugänglichkeit auch nicht optimieren kann.
Das sich von Zeit zu Zeit klein, nichtig und unverantwortlich Fühlen ist nämlich das, was den Menschen eigentlich entspannt. Darum kann der Forst auch nicht wie der Wald als Erholungsort dienen, denn ein von Menschen geformter Ort strebt immer nach der optimalen, der perfekten Ordnung. Eine Utopie, die nie erreicht und deswegen immer verbessert werden kann. Nur ein Raum, der sich den menschlichen Ordnungsidealen entzieht, kann ein Raum der Entspannung sein.
111.
Warum sonst ist das Meer beinahe des Menschen liebster Erholungsort? Niemand halbwegs Vernünftiges würde sich vormachen, er könnte das Meer bezwingen, ordnen oder in Gänze erschließen. Es ist unermesslich groß, unermesslich tief und unermesslich wild, dennoch oder gerade deswegen zieht es uns zu ihm.
Es wäre unsinnig, es begreifen zu wollen, gerade deshalb muss man es auch nicht versuchen. Man kann es einfach in seiner Unbegreiflichkeit hinnehmen.
In seinem Angesicht fühlt man sich klein und nichtig, ihm gegenüber so verantwortungslos wie das Baby der Mutter, die das Meer dem Menschen, ja der Welt in gewisser Weise auch ist. Deshalb ist der Strand und das alles verschluckende Rauschen der Wellen auch die reinste Entspannung.