Cesca 1928
Der Cesca Stuhl ist weit mehr als nur eine Sitzgelegenheit. Er steht für die Verbindung von Funktion, Ästhetik und industrieller Innovation und gilt bis heute als einer der bekanntesten Kultstühle. Seine klare Formensprache und seine Materialwahl machen ihn zu einem Symbol des Bauhaus-Gedankens, bei dem Kunst, Handwerk und Technik miteinander verschmelzen.
Der Cesca Stuhl ist ein sogenannter Freischwinger, was bedeutet, dass er ohne Hinterbeinekonstruiert ist. Das gebogene Stahlrohr übernimmt die tragende Funktion und ermöglicht gleichzeitig eine leichte Federbewegung beim Sitzen. Für die Kinder lustig, weil der Cesca wippt und schwingt, ohne umzufallen. Mein Vater hatte vier von diesen Stühlen. Der federnde Komfort dieses Stuhles hatte etwas von einer atmosphärischen Bequemlichkeit, die durch die farbliche Abstimmung unterstrichen wurde. Gebogenes Stahlrohrgestell mit einem Rahmen aus schwarzlackiertem Buchenholz und einem Sitz mit Rückenteil aus Wiener Geflecht. Das vermittelt einerseits eine luftige Ästhetik, schränkt aber auch die kreative Zusammensetzung ein. Dieser Stuhl dominiert den Raum. Man muss sehr darauf achten, dass das umliegende Mobiliar dazu passt. Steht ein Cesca allein im Raum, dominiert er als kultureller Minimalist.
Der Cesca ist ein Stuhl meiner Kindheit, würde ich behaupten. Der Stil des Stuhles hatte mich von Anfang an begeistert, als ich die Wohnung meines Vaters betrat. Ich liebte es, in dem Stuhl zu schwingen und darauf mein Frühstück zu genießen. Als ich meiner Mutter erzählte, dass ich über diesen Stuhl schreiben werde, hat sie nur geantwortet: “Ah, dieser unbequeme Stuhl!” Meine Mutter mochte diesen Stuhl gar nicht. Wenn ich an den Stuhl denke, erinnere ich mich ehrlich gesagt nicht, wie weich oder hart er war. Ich finde es interessant, wie unterschiedlich Design aufgenommen werden kann. Jeder Mensch bevorzugt etwas anderes, auch innerhalb der Familie.
Entworfen wurde der Stuhl 1928 von Marcel Breuer, einem der bedeutendsten Designer und Architekten des 20. Jahrhunderts sowie ein zentraler Vertreter des Bauhauses. Der Stuhl wurde nach seiner Tochter Francesca benannt (Cesca). Breuer experimentierte viel mit neuen Materialien und Produktionsmethoden. Besonders das Stahlrohr faszinierte ihn, da es leicht, stabil und industriell gut formbar ist. Inspiriert wurde er dabei unter anderem von der Konstruktion von Fahrradrahmen, die ähnliche Eigenschaften besitzen. Der Stuhl besteht aus einer Kombination von Industrie (Stahlrohr) und Handwerk (Wiener Geflecht). Das Gestell ist aus Stahlrohr, Sitz und Rücken aus Wiener Geflecht, der Rahmen von Sitz und Rückenfläche besteht aus Holz (Buche). Die Stahlrohre werden gezogen und von Maschinen in die Freischwinger-Form gebogen. Für die Rücken und Sitzflächen wird Rattan (Material der Kletterpalme) zuerst eingeweicht und dann mit der Hand in Lochmuster geflochten. Zum Schluss wird alles montiert.
Der ursprüngliche Cesca Stuhl ist ohne Armlehne (B32), danach entstand auch eine Variante mit Armlehnen (B64), wodurch er noch bequemer wurde. Der Stuhl wurde Ende der 1920er Jahre erstmals in Serie produziert. Am Anfang wurde der Stuhl von Thonet produziert und nach Europa exportiert. Heute wird er von Knoll produziert.
Als mein Vater und ich über den Stuhl plauderten, hat er mir erzählt, dass er die vier zu einem Schnäppchenpreis auf Willhaben gekauft hatte. Mein Vater selbst hat eine Vorliebe für Freischwinger. Leider haben die Stühle nicht mehr zum umliegenden Mobiliar gepasst, weshalb er sie nach mehreren Jahren verkauft hat. Mit Gewinn versteht sich. Der Preis von Kultstücken geht nie verloren. Für mich hat der Cesca Stuhl ein unbezahlbares Design.
Alisha Neuwirth TEXT + BILD