NR. 03 / ANTHROPOZÄN / OUT 26.06.26

Das Klammern am Kanon


Realitätsfern, mathematisch, polemisch. Als Gegenstand in der Schule hat Literatur schon lange ein Problem. Und scheint dabei zu vergessen, dass es sich um Kunstwerke und nicht um Naturwissenschaften handelt. 


„Faust“ ins Gesicht
Schon als Schüler*in werden einem sogenannte wichtige und bedeutende Klassiker der Literatur um die Ohren geworfen – Goethe, Hoffmann und Kleist, die ja schließlich über ach so tolle Dinge schreiben. Ein paar Beispiele: Ein erwachsener Mann, der sich in eine 14-jährige verliebt (Goethe), eine Frau, die eigentlich eine mechanische Puppe ist (E.T.A. Hoffmann), eine Vergewaltigung, die durch einen Bindestrich versteckt wird (Kleist). All das sind Topoi des deutschen ,Kanons‘, die ebenfalls in der Literaturwissenschaft, jedenfalls der des 20. Jahrhundert, verhimmelt werden. Unbefragt, nicht hinterfragt, schien lange als Credo der deutschen Beschäftigung mit Literatur gegolten zu haben. 

Während sich die REM-Schlafphase vieler Studierender gerade noch ausläutet, der ein oder andere Wecker zum achten Mal auf Schlummern gesetzt wird, müssen Schüler*innen über diese Literatur diskutieren. Man kann es also kaum als wunderlich bezeichnen, dass es genau jene kleinen gelben Heftchen sind (die Gefahr einer Retraumatisierung ist bei dem Wort Reclam nicht selten gering), die verhasst in die Klassenräume geschleppt werden, um dann, nach dem Schulabschluss, in Regalen zu verstauben oder sonst wo landen.  

Natürlich, wir alle brauchen Literatur, in der wir uns wiederfinden, von der wir uns gesehen fühlen, die wir genießen. Die Schule konfrontiert junge Menschen jedoch mit dem genauen Gegenteil: Realitätsferne Literatur aus dem 18. oder 19. Jahrhundert, die im besten Falle, und wirklich nur im besten, eine Chance hat, in ihrem doppelten Boden etwas vergraben zu haben, dass sich irgendwie, durch eventuelle Interpretationen der Interpretationen der Interpretation mit der jugendlichen Realität in dieser Welt verbinden lässt. Einer Welt, in der man meinen könnte, Schüler*innen mit Buch in freier Wildbahn seien mittlerweile schwerer zu finden als Gold in den Alpen. 

Das Phänomen einer jugendlichen Abkehr von Literatur ist ebenfalls alles andere als verwunderlich. Da ist die Sprache der Schullektüren – nur als kleines Beispiel: „.[Ich bin] ein Teil von jener Kraft,/Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Aha ok. Da sind diese merkwürdigen erzählten Welten, in der die Geschichten spielen – nur noch ein kleines Beispiel: „Woyzeck“ Mitte des 19. Jahrhunderts, „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann sogar noch früher. Dadurch – und das ist extrem schade – wird Literaturunterricht als überflüssig empfunden, als nervtötender Notenkiller. 

So müsste das akute und doch so leise Verschwinden von Literatur doch gerade den Menschen ein Warnsignal sein, deren Job es ist, Schulinhalte zu planen. Statt sich jedoch von Strukturen zu verabschieden, loszulassen – oder wenigstens ein bisschen locker zu lassen– wird sich immer weiter und immer fester an diese unzugängliche Literatur geklammert. 


f(x)=2x, x=2
Aber selbst wenn man den Kanon einen Moment in Ruhe lässt – es ist ja nicht nur das Was, das schief liegt, sondern auch das Wie. Denn wie der Literaturunterricht funktioniert, ist schon grundsätzlich ein Problem und hat weitaus mehr mit Naturwissenschaften zu tun als mit Literaturwissenschaften. Ist verrückt, oder? Die klassisch schulische Lesart ist nämlich immer eine, die ein Richtig und ein Falsch impliziert. Neben dem Drama liegt schon der Lektüreschlüssel. Das und das muss das und das bedeuten, jenes muss jenes symbolisieren. Das erinnert ein bisschen an das Motto, das bei vielen noch mehr Gräuel auslöst, als der Literaturunterricht: Was ist x, wenn f(x) = 2x ist? Literatur wird in der Schule zu einer Art Gleichung, Goethe zur Rechenaufgabe. Und wer die Lösung nicht kennt, bekommt Punktabzug.

Dass das ein Problem ist, wusste man übrigens schon vor einer Weile. Peter Szondi (von vielen als der bedeutendste Literaturwissenschaftler des 20. Jahrhundert bezeichnet), diagnostizierte genau das in seinem Essay „Über philologische Erkenntnis“. Erschienen 1984, zu einer Zeit, in der die Literaturwissenschaft ihre große Konjunktur erlebte. Und genau wegen dieser Konjunktur, so Szondi, erlag sie ihrem eigenen Rechtfertigungsdrang: Die Disziplin wollte sich beweisen, wollte streng klingen – und vergaß dabei, dass ihr Gegenstand Literatur ist. Sie wollte „das philologische Wissen nicht als die perpetuierte Erkenntnis verstehen, die es von seinem Gegenstand“, der Literatur „her sein müßte.“  Denn Texte haben keine Lösungen, zumindest nicht im naturwissenschaftlichen Sinne. Literatur bewegt sich in Grauzonen und in keinem naturwissenschaftlichen Schwarz/Weiß. 

Wüsste Szondi, wie Literatur heute in der Schule behandelt wird, er hätte sich im Grab umgedreht. So ist es gerade das, was er der Wissenschaft seiner Zeit vorhielt und im Schulbetrieb längst Alltag ist: Der Lektüreschlüssel liegt griffbereit neben dem Roman, Noten werden vergeben für die richtige Antwort – eine Antwort, die es bei Literatur schlicht nicht gibt. Dabei wäre das Entscheidende gar nicht so schwer zu benennen: Es ist nicht das Ziel, es ist der Weg zum Ziel, die Erkenntnis, wie Szondi sagen würde. Nicht die Lösung, sondern das, was beim Lesen passiert – das Stolpern über einen Satz, das Zweifeln, das plötzliche Verstehen. Das ist der eigentliche Stoff – und keine Gleichung, die aufgehen muss.




Das Kapital auf dem anderen Ufer
Aber gut – allen Jugendlichen einen Literaturekel zu unterstellen, wäre unfair. Es gibt natürlich das andere Ufer, jene, die in der Schule tatsächlich eine Leidenschaft entwickeln, ein Interesse, das bleibt. Das passiert. Nur stehen auf diesem Ufer nicht alle aus demselben Grund. Es gibt die einen, die diese Leidenschaft in der Schule entwickeln und die anderen, die das alles schon von zu Hause kennen – und an diesem Punkt schafft die Schule etwas genuin Unfaires. Es ist doch so: Manche wachsen auf zwischen prallgefüllten Bücherregalen, Eltern, die abends vorlesen, und einer Oma, die immer mit einem neuen Dostojewski-Roman im Ohrensessel verschwindet. Anderen begegnet Schiller zum ersten Mal in der Schule – und das ist kein banaler Unterschied, sondern einer mit Konsequenzen. Pierre Bourdieu, einer der einflussreichsten Kultursoziologen des 20. Jahrhunderts, hat dafür einen Begriff geprägt: Kulturelles Kapital. Gemeint ist damit bspw. der Besitz von Büchern, Gemälden, Filmsammlungen, Musikaufnahmen, Opernbesuchen, Instrumenten – kurzum: alles, was Kultur greifbar, zugänglich und selbstverständlich macht.

Entscheidend dabei ist, dass dieser Besitz allein noch nichts bedeutet. Ein Bücherregal zuhause macht niemanden automatisch zur Literaturkennerin – Bourdieu selbst hat auf diesen Unterschied hingewiesen, den man vielleicht als das Problem der bloßen Staffage bezeichnen könnte: Objekte ohne eingeübte Praxis bleiben stumm. Was wirklich zählt, ist die Vermittlung – und die findet meist still, früh und unbewusst statt, lange bevor irgendein Lehrplan greift, nämlich in der Kindheit und abseits der Schule.


Das Problem des Kapitals auf dem anderen Ufer
Spätestens wenn Literatur zum Prüfungsgegenstand wird, rächt sich das. Denn dann wird das kulturelle Kapital der Eltern – plötzlich auch das eigene – zur entscheidenden Währung. Und wer zu Hause nie über Goethe gesprochen hat, steht vor demselben Aufsatz wie jemand, der das seit Jahren gewissermaßen im Schlaf übt. Das ist ein bisschen so, als würden alle denselben Marathon laufen müssen: Die einen trainieren seit Jahren, oder genauer, wurden von ihren Eltern trainiert; die anderen haben vor fünf Minuten erfahren, was ein Marathon ist. Da hätte niemand so Bock drauf, denn das ist schlicht: unfair.

Dabei müssten doch gerade jene Jugendliche, deren Zuhause eben nicht wegen zu vielen Bücherregalen an der Grenze der Einsturzgefährdung wackelt, in der Schule einen Raum haben, Literatur zu erkunden. Diese Möglichkeit bleibt jedoch ungenutzt, nicht wegen der Schüler*innen, sondern wegen der Lehrpläne. Und die Inhalte, ja, diese Inhalte. Die tragen da rein gar nichts zu bei. Denn wie sollen Jugendliche, die mit so vielen Krisen, eigenen und weltlichen, konfrontiert sind, sich auch in Literatur wiederfinden, die auf allen Ebenen so anders ist als die eigene Lebensrealität. 

Aber woher kommt denn dieser schulministriale Drang Kinder „Woyzeck“ lesen zu lassen und ihn ganz nebenbei noch als „Opfer der Gesellschaft“ zu interpretieren – und nicht mal zu erwähnen, dass dieser erbsenfressende Frauenmörder einen Femizid begeht? Es ist, als ob man Schüler*innen tote eingefrorene Fische sezieren ließe, während vor dem Fenster ein lauter wilder Ozean rauscht. 

Die Antwort auf diese Frage ist dem Lehrplan quasi eingeschrieben. Er ist die Auswucherung einer Wurzel, die schon seit Jahrhunderten ein Problem ist. Und genau an dieser Stelle müsste man anpacken und die Wurzel rausreißen. So sind es wie so oft die Strukturen, das Dahinter, die Wurzel eben. Eine Struktur, die bestimmt, was als lesenswert und wichtig gilt, namentlich: Kanon. Dieser Kanon ist dafür verantwortlich, dass der Lehrplan so aussieht, wie er aussieht. Der Lehrplan ist das Ausgekotzte eines Konstrukts, an das sich manisch geklammert wird. Denn der Kanon ist keine Liste an qualitativ hochwertiger Literatur (die es so einfach auch nie geben könnte), sondern Ausdruck tieferliegender Machtstrukturen, die bestimmen, was überhaupt als lesenswert gilt. Ganz a la copy paste wird diese Literatur in die heiligen Hallen deutscher Klassenzimmer geschleppt, die natürlich aus den noch heiligeren Hallen deutscher Tradition stammt. So wird in der Schule nicht das gelesen, was relevant für Jugendliche sein und ein Interesse fördern könnte, sondern jene Literatur, die vom Kanon als Stiftung Warentest für Literatur ein schickes sehr gut erhalten hat. 


Spiegel der Macht oder: Der Kanon
Für das Jedermanns-Wissen Wikipedia ist der Kanon „eine Zusammenstellung derjenigen Werke, denen in der Literatur ein herausgehobener Wert zugeschrieben wird.“ Klingt erstmal ziemlich gut. Ein Blick in den Kanon und man weiß direkt, was man gelesen haben sollte. Ganz so leicht ist es dann aber doch nicht. Wenn man sich nun einen Kanon heranzieht, beispielsweise den des berühmtesten Literaturkritikers – auch Literaturpapst genannt –, Marcel Reich-Ranicki, fällt eines schnell auf. In seiner Anthologie herausragender Werke der deutschsprachigen Literatur mit dem Namen „Der Kanon“ (die auch gewissermaßen pars pro toto für den gesellschaftlichen Kanon steht), finden sich Romane, Gedichte, Dramen und Erzählungen. Sein Roman-Kanon besteht aus 20 Schriftsteller*innen: 19 Männer, eine Frau. Der Dramenkanon besteht aus 23 Männern: Nur Männer, keine Frau. 

Was uns der deutschsprachige Kanon also sagt: Fast nur Männern können Literatur schreiben. Und das ist natürlich falsch. Viel mehr zeigt Reich-Ranickis Kanon, wer wen gesellschaftlich dominiert. Alaida Assmann, eine der wichtigsten Kulturanthropologinnen des 20. Jahrhunderts verstand unter Kanon nämlich etwas ganz anderes als unser viel zu beliebtes Jedermanns-Wissen: Nämlich die institutionell verankerte Auswahl kulturell gültiger Werke, die zugleich strukturelles Vergessen organisiert. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Denn der Kern ist folgender: Der Literaturbetrieb war über Jahre hinweg von Männern dominiert. Von der im Mittelalter männlich und klerikalen Prägung über die männlichen Erfahrungsberichte in der frühen Neuzeit bis hin ins 19. und 20. Jahrhundert des bürgerlichen Patriachat des Geistes waren männliche Personen immer schon die dominanteren im Feld der Literatur.

Die Folge ist logisch: Literatur wurde meist von Männern veröffentlicht und verlegt. Der Literaturbetrieb hat verschiedene Rollen, und viel zu lange saß an jedem wichtigen Hebel, der zu einer Publikation geführt hat, ein Mann. Sie entschieden, welche Stimmen überdauern, welche verschwinden und welche nie gehört werden. 

Die Stiftung Warentest der Literatur in den letzten paar Hundert Jahren war also die Stiftung Warentest männlicher Werte. Erfüllte Literatur die männliche Checkliste, gabs ein schönes sehr gut. Daher sind die meisten berühmten Texte hoher Literatur von Männern. Andere Menschen wurden dadurch meist an den Rand gedrängt, ein paar mehr noch sogar ganz aus dem Feld raus. Literatur bedeutet Sichtbarkeit und Sichtbarkeit Macht. Und diese Macht galt es zu bewahren. Nicht nur das Geschlecht waren jedoch Gründe für eine Verdrängung aus dem literarischen Feld, auch andere patriarchale Verdächtige führten zu einer wackeren Verdrängung aus der Literaturlandschaft: Sexualität, religiöse Zugehörigkeit, soziale Klasse, Ethnie. Das Klammern am Kanon ist also immer ein Klammern an männlichen Werte und an patriarchalen Perspektiven. 

In den 1960er,70er Jahren kam dann der entscheidende Twist. Die feministische Literaturwissenschaft entstand im Zuge der Frauenbewegung und seit dem ist Fakt, dass Kanonisierungsprozesse immer auch Abgrenzungsprozesse sind. Ein paar Namen werden meinen Punkt ziemlich gut illustrieren. Bettina von Arnim. Schriftstellerin, die in engem Kontakt zu Goethe stand. Gabrielle Reuter – auch als „weiblicher Fontane“ bezeichnet. Johanna Spyri: Autorin von „Heidi“. 

Und? Welcher der Namen war bekannt? Alles große Schriftstellerinnen – und alle wurden aus der Literaturgeschichtsschreibung einfach verdrängt. So wie weibliche Stimmen marginalisiert wurden, sind aber auch queere, migrantische oder nichtakademische Perspektiven in den gängigen Kanones kaum repräsentiert. Das Fazit ist also offensichtlich Das Jedermanns-Wissen “Wikipedia”  scheint also ziemlich falsch zu liegen 


Die Schule als Wurzel des Problems?
Doch wie es immer so ist, reicht es nicht, einfach auszutauschen. Nur weil der große Kanon ein Produkt seiner Umstände ist, heißt es nicht, dass jetzt alle zum Bücherregal rennen müssen, um Fontane, Brecht oder Goethe aus dem Fenster zu werfen. Es lohnt sich schon, mit neuen Augen auf diese Literatur zu schauen. Im Akt einer “Re-Vision”, wie es die US-amerikanische Poetin Adrienne Rich in ihrem Essay „When We Dead Awaken: Writing as Re-Vision“ fordert: “Re-vision – the act of looking back, of seeing with fresh eyes, of entering an old text from a new critical direction- is for us more than a chapter in cultural history: it is an act of survival.” Der Kanon muss nicht weg. Er muss neu erinnert werden. Aber genau das – wie auch sonst – macht die Schule nicht. Statt zu hinterfragen, reproduziert sie. Immer und immer weiter. Und das, obwohl die Forschung jene Strukturen seit über dreißig Jahren benennt und kritisiert. Das Potenzial liegt doch auf der Hand: Ein Literaturunterricht, der diese Erkenntnisse ernst nimmt, könnte Literatur systemhinterfragend machen, jugendlich und notwendig – einen neuen Korpus erschließen, der nicht trotz seiner Relevanz gelesen wird, sondern wegen ihr. Stattdessen wird der Kanon aktiv gelebt – unhinterfragt, unrevidiert, unproblematisiert. Der Deutschunterricht, der für viele Schüler*innen der einzige Ort ist, um mit Literatur in Kontakt zu kommen, wird zum Brandbeschleuniger eines gesellschaftlichen Literaturverdrusses. Und genau an dieser Stelle versagt der Klassenraum in dem, was er eigentlich sollte: bilden. In einer Studie des Instituts für Qualitätssicherung iwm Bildungswesen aus dem Jahr 2024 wurde festgestellt, dass nur 18 % der Jugendlichen in Klasse 9 das Schulfach Deutsch interessant finden. 44% gar nicht.  

Dabei wäre das Argument, die Literaturwelt sei doch längst progressiver geworden, nicht völlig falsch. In Bestsellern wird gegendert, Männer – lange die unangefochtenen Platzhirsche der Literaturlandschaft – verlieren zunehmend ihr Revier, und Feuilletons wie Wissenschaft sind tatsächlich mitgegangen. Doch diese neuen Kanones haben Schwierigkeiten, sich aus ihren Metiers herauszulösen und in die Gesellschaft hineinzuwirken. Und so ist es wieder mal die Schule mit Startschwierigkeiten, sodass das für viele einzige Eingangstörchen zur Literatur weiterhin verschlossen bleibt.



Es braucht mehr als nur Blättchen abschneiden
Ja, man könnte fast meinen, dass das, was in der Schule gemacht wird, gar nichts mit Literatur zu tun hat – dabei steckt doch so viel in ihr. Verständnis, Empathie, Geduld, Ruhe, Einfühlbarkeit. All das sind Dinge, die Literatur im Stande ist zu vermitteln. Auch wenn sich das kitschig anhört: Ein Bewusstsein für die Welt kann durch Literatur geschaffen werden. Und somit auch ein Bewusstsein für Menschen, die sonst nicht so oft gehört werden. Queere, migrantische, nicht-europäische Stimmen. Und auch das Akute der Jugend wäre möglich: Probleme mit den Eltern, Liebeskrisen, Zukunftsängste. All das sind große literarische Topoi! 

Hätten die Schulministerien Romane wie Mareike Fallwickls „Die Wut, die bleibt“, James Baldwins „Giovannis Room“ als Pflichtlektüren gewählt, wäre die Sichtbarkeit von Themen wie Care-Arbeit, weibliche Wut, patriarchale Dynamiken, heterosexuelle Idealen und und und größer. Die immer heftiger brodelnde toxische Männlichkeit, vor allem bei jüngeren könnte so  – mit ganz viel Hoffnung – nivelliert werden. Und letztlich: Literatur könnte als Medium wieder gesellschaftliche Tragweite und Tiefe gewinnen. Klingt utopisch, aber einen Unterschied würde es auf alle Fälle machen. Sodass es am Ende eben auch andere wichtige und bedeutende Klassiker gibt, nicht gegen, sondern mit Goethe, Hoffmann und Kleist.