NR. 03 / ANTHROPOZÄN / OUT 26.06.26

Ein Gedicht über das Meer.




Auf Höhe des früheren Meeresspiegels thront ein Motorboot auf einem Metallgestell.

Über dem Blätterdach des Monokulturwaldes thront ein Motorboot auf einem Metallgestell.

Der Jahreszeitenzyklus entlaubt den Monokulturwald, Schnee bedeckt das Motorboot.

Frische Knospen sprießen aus den dünnen Ästen, werden zum Blätterdach. Frühjahrsstürme bringen die dünnen Äste des Monokulturwaldes zum Wiegen.

Das Motorboot thront auf Höhe des früheren Meeresspiegels über dem Blätterdach des Monokulturwaldes.

Ein Gedicht über das Meer, das keins mehr ist.

Ein Gedicht über das Meer, das nie eins war.

Ein Gedicht über ein Boot, das nicht mehr fährt.

Ein Gedicht über eine Oberfläche, die erinnert, auch wenn sie verschwunden ist.

Die Multimedia-Installation The Forest (2025) der ukrainischen Künstlerin Zhanna Kadyrova zeigt auf absurde Weise die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Natur, indem sie sichtbar macht, was nicht mehr und gleichzeitig wieder da ist. Der Monokulturwald wächst dort, wo vor drei Jahren noch die Wogen über das von Menschen aufgestaute Meer peitschten. Ein von Menschen aufgestautes Meer. Ein von Menschen vor siebzig Jahren aufgestauter Fluss, der zu einem Meer wird. Ein von Menschen vor siebzig Jahren gerodeter Wald, der zu einem Meeresboden wird und auf dem siebzig Jahre später ein Monokulturwald wächst.

Was ist passiert?

Das zeigt uns der Film Poem of the Sea (1958) von Oleksandr Dovzhenko und fertiggestellt von seiner Witwe Yulia Solntseva. Er handelt vom Bau des Kachowka-Wasserkraftwerks in der Oblast Cherson in der Ukraine unter Joseph Stalin. Der Damm diente neben der Gewinnung elektrischer Energie dazu, den Dnipro aufzustauen – eine vermeintliche Notwendigkeit, um die sowjetische Landwirtschaft zu industrialisieren und die Baumwollproduktion in der Südukraine mit Wasser zu versorgen. Das Filmdrama porträtiert das monströse Bauvorhaben kurz nach dem „Großen Vaterländischen Krieg“, eine Erzählung, die die Größe der Sowjetunion bekräftigen sollte. 

Der hochdekorierte General der Roten Armee Ignat Fyodorchenko kehrt nach Jahren zurück in das Dorf, in dem er aufgewachsen ist. Schon aus dem Flugzeug Typ Tupelow Tu-104, das ihn aus Moskau in die Südukrainische Provinz bringt, sieht er die Veränderungen der Landschaft, die Wiesen und Moore, Auenwälder und Felder, die er nur so gut kennt, in der er seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Vierzigtausend Hektar sollen überflutet werden, erklärt der Bauleiter, der mit ihm im Flugzeug ist. Unter anderem auch die Stadt Kachowka, in der er gegen die Deutschen im Ersten Weltkrieg und gegen die Zaristen, gegen die Weiße Armee unter Petr Wrangel kämpfte.  

Hier wurde nicht irgendein Fluss gebändigt. Hier wurde nicht irgendein Land zum Meer. Hier wurde eines der fruchtbarsten und biodiversesten Gebiete der Ukraine überflutet, eine der wichtigsten Lebensadern unterbrochen. Es ist ein Land, das seit Jahrhunderten bewohnt, bestellt, erinnert wurde, ein Land, das nicht einfach Fläche war, sondern Beziehung. Великий луг – die Große Weide, das Schwemmlandgebiet zwischen Kinska und Dnipro, ein Ökosystem von Schilfgürteln, Sümpfen, Auwäldern und Wiesen wird zum Каховське море – Kachowka-Meer, da man an manchen Tagen nicht mehr das andere Ufer sehen kann. 

Angekommen im Dorf, trifft Fyodorchenko auf andere, ihm zunächst Unbekannte, dann aber sehr vertraute Gesichter. Auch seine Freunde aus alten Tagen sind zurück in die einst so lebendige Kolchose gekommen. Das Wiedersehen ist kein Zufall. Nachdem er alle Anwesenden auf dem Platz versammelt hat, verkündet der Vorsitzende der Kolchose, Savva Zarudny, dass das Dorf, das auf eine lange und reiche Geschichte zurückblickt, seine letzten Tage erlebt. Da es im Überflutungsgebiet liegt, wird es mit der Inbetriebnahme des Kraftwerks untergehen. Die weiß getünchten Häuser, die Kirschgärten, der Verein, die Schule, die Gräber der Großväter und Urgroßväter werden verschwinden. An ihrer Stelle wird das Meer entstehen. Damit die Menschen ihre geliebten Häuser ein letztes Mal sehen können, hat Zarudny Dutzende von Briefen geschrieben und diejenigen ins Dorf gerufen, die es einst verlassen hatten.

Bemerkenswert an diesem Film sind zwei Bewegungen, die sich überlagern:

Zum einen der Ausdruck einer tiefen Verbindung zwischen Menschen, Land und Geschichte. Zum anderen die Inszenierung technischer Größe – der Versuch, Natur zu ordnen, zu beherrschen, neu zu schreiben.

Geoengineering und Terraforming erscheinen hier nicht als Begriffe, sondern als Handlungen – als imperiale Handlungen, die Land in Infrastruktur verwandeln und Erinnerung überfluten.

Was hier geschieht, ist die Herstellung eines Meeres. Nicht im geografischen, sondern im wahrnehmbaren Sinn. Eine Flut ohne Mythos. Eine Flut ohne Gott. Eine Flut mit Plan.

Die Flut kommt zweimal.

Zuerst als Versprechen.

Dann als Waffe.

Denn im Jahr 2023 wurde der Kachowka-Damm durch russische Soldaten zerstört. Wieder trat das Wasser über die Ufer. Wieder mussten Menschen ihre Häuser verlassen. Wieder wurde das Land zu etwas anderem.

Ein Gedicht über das Meer.

Ein Gedicht über Wiederholung.

Ein neuer Monokulturwald wächst. 

Das Blätterdach rauscht nicht wie ein Meer. 

Und der Fluss sucht sich einen neuen Lauf. 

Das Motorboot thront immer noch auf seinem Gestell.

Es erinnert an eine Linie, die nicht mehr sichtbar ist.

An eine Flut, die das Land wieder freigegeben hat. 

Und vielleicht ist es das, was Kadyrovas Arbeit sichtbar macht:

Land ist immer auch ein Archiv. 



❶ Eine sehr gute Dokumentation der Arbeit, die 2026 im Rahmen des CTM-Festivals und der Transmediale in der Ausstellung „Echos of Tumult“ im Kuntsraum Kreuzberg im Bethanien gezeigt wurde, ist auf der Website der Künstlerin zu entdecken: https://www.kadyrova.com/theforest-2025  

❷ Die sowjetische Bezeichnung des Zweiten Weltkrieg ist klar propagandistisch und wird heute zur Legitimation der Invasion der Ukraine durch Russland / dem russischen Krieg gegen die Ukraine genutzt.