NR. 03 / ANTHROPOZÄN / OUT 26.06.26

Elias oder das Licht aus Dunkelheit


„Wenn Sie sich als sich und daher als von allem unterschiedene Person betrachten, fühlen Sie da nicht, daß im Grund Ihres Bewusstseins etwas durch keinen Begriff Aufzulösendes liegt, etwas Dunkles, gleichsam als Halt Ihrer Persönlichkeit?

Dieses Dunkle fühle ich wohl, sagte Clara, aber eben dieses Dunkle wünsche ich hinweg! […]

Hinweg nun, sagte ich, ist es einmal erregt, nicht zu bringen, Liebe, und es soll auch nicht hinweg, weil mit ihm zugleich die Persönlichkeit verschwände;“


Clara oder über den Zusammenhang der Natur und Geisterwelt, Friedrich Schelling (1811)


Der Anfang
Alles begann damit, als Elias sich einmal eine Dunkelheit vorstellte. 

Einen tiefen Grund irgendwo in ihm, lichtlos, lautlos. 

Nichts war dort - und deshalb konnte alles dort sein. 

Es fühlt sich so an, als wäre es ein warmes Meer des Dunklen, in das er hinabsinken kann. Es ist so beruhigend, denn das Dunkle ist immer da – wortlos,geduldig, voller Akzeptanz. 

Dorthin brachte Elias seine Wut, seine Trauer, seinen Frust. 

Oh ja, denn es läuft einiges seltsam in seiner Familie: 

Seine Geburtsgeber*innen vollzogen jährlich einen merkwürdigen Ritus: Sie fuhren jährlich im Sommer gestresst zu einem Autocamp in Italien, um dort mit anderen genauso gestressten Geburtsgeber*innen betrunken darüber zu debattieren, wann sie nächsten Sommer wieder debattieren werden. 

Irgendwo hat einmal jemand gesagt, es gehöre zur Leitkultur. 

“Ist doch auch schön, wenn die so leben wollen“, dachte Elias jedes Mal und ging in das Dunkle in ihm. 

Einsam ist er da nicht, obwohl ihn nichts begleitet. Denn das Nichts im Dunkeln ist leer, Elias spürt es: 

 die zerstreute Dunkelheit in dem Dunkeln selbst: 

Eine Liebe, die überall und nirgends ist, die alles annahm ohne Urteil;

Ein Träger, ohne dass er etwas trägt 

Eine heitere Ekstase in der Finsternis,


Doch schien die Welt gar nicht so zu laufen: 

Das Helle war das, was am liebsten gesehen wurde. 

Alles musste mit Licht beleuchtet werden.

Manchmal schien es so, dass bloßes Sonnenlicht nicht mehr ausreichte. Alles musste durchleuchtet, gar geröntgt werden: 

Jede Regung braucht eine Diagnose;

Jede Handlung eine Statistik; 

Jedes Gefühl einen festen Namen, obwohl die Gefühle ineinander fließen und nie richtig sagbar waren.. 

Man maß die Intelligenz, man maß die Produktivität, damit maß man den Wert eines Menschen. 

Zeit war Geld, Aufmerksamkeit war Geld. 

Selbst die Persönlichkeit selbst wurde zu Kapital, das gepflegt, verwaltet, optimiert werden musste: Personal Coaching, ein anderer Name für einen Banker, der das Unantastbare würgte. 

Zudem maß man sogar Glück. 

Doch niemand fragt sich je, warum Glück plötzlich messbar geworden ist. 

Manchmal fragte sich Elias, ob das Licht vielleicht nur deshalb so grell und aufdringend geworden ist, weil die Angst vor dem Dunklen wuchs. 

Ob die Menschen wirklich noch lebten 

oder nur noch posierten 

vor dem Röntgenlicht. 


Das Röntgen
So ging das weiter.

Bis eines Tages Raketen in seine Stadt einschlugen. 

Grund dafür war vermutlich die aus der Balance geratene Statistik eines gestressten narzisstischen Herrschers, der sich mit anderen narzisstischen Statistik-Freaks umgab, damit niemand merken musste, wie leer sie waren. 

Leben ohne Dunkelheit. 

Diesmal half leider die Flucht ins Dunkle nicht mehr, Elias musste wirklich fliehen.

An einen Ort, an dem er niemanden kannte, 

in eine Sprache, die er nicht sprach.. 

Das Dunkle brachte er mit, 

Die Dunkelheit, die selbst zu innerem Licht wurde, das nicht verloschen werden konnte.


Am Anfang war es nicht einfach. 

Die neue Stadt war laut, fremd und voller Wörter, die Elias nicht verstand. 

Sie sprachen schnell, als hätten sie Angst, dass ihnen die Zeit beim Sprechen ausging. 

Er verstand die Sätze nicht, aber den Ton. 

Auch hier wird gemessen, aber noch präziser und kälter: 

nicht nur Intelligenz, Produktion und Produktion der Produktion, 

sondern auch die Sicherheit. 

Risiken wurden statistisch berechnet und diskutiert jährlich auf so einem merkwürdigen Kongress. 

Das erinnert Elias immer an die Italien-Campingtour seiner Eltern. 

Gestresste Männer saßen vor dem Bildschirm und berechneten, wie viele Raketen noch nötig sind, um den Frieden zu sichern. 

Menschen wurden zu Variablen der Prozesse.

Zu Zahlen innerhalb von Prozessen. 

Zu durchleuchteten Körpern im Röntgenlicht der simulierten Welt.  

“Eigentlich traurig“, dachte Elias. 

Immer öfter tauchte er in das Dunkle.  

Er las viel und verbrachte viel Zeit mit sich selbst. 

Dort, in der Stille seines kleinen Zimmers, begann Elias zu begreifen, dass die Menschen trotz eleganter Statistik vielleicht nicht freier geworden waren, sondern bloß präzise messbar geworden waren. 

Eines Nachts stieß er auf einen Satz von Simone Weil, der ihn erschreckte, weil er klang, als hätte ihn jemand aus seiner eigenen Dunkelheit heraus geschrieben: 

“Trotz des Fortschritts hat also der Mensch nicht den Zustand der Knechtschaft verlassen, in dem er sich befand, als er schwach und nackt allen blinden Kräften des Universums ausgeliefert war .”


Das (Wieder)-Erkennen
Bis eines Tages in einem Laden, als Elias zufällig seinen Kopf hinter den Klamottenhaufen hochhob und einen Menschen sah. 

Er war anders, sehr anders. 

Als wäre er noch nicht vom Röntgen erfasst worden. 

Er schaute zufällig auf Elias und lächelte ihn an, als ob sie sich schon kannten. 

So lernte Elias ihn kennen. 

Ihr erstes richtiges Treffen war auf einem Berg bei Sonnenuntergang: 

Warmer Wind brachte den Duft von Rosé mit sich. 

Sie sahen sich lange an. 

In seiner schönen braunen Pupille erkannte Elias etwas Vertrautes: das Dunkle

Als hätte er ihn dort schon mal gesehen, in jenem stillen Meer der Dunkelheit.

Sie küssten sich unter einem Baum. 

Im Schatten verschmolzen zwei Seelen, die ihre Dunkelheit in sich trugen. 

Es ist das erste Mal,  dass Elias in den Augen dieses Menschen etwas Neues sieht. 

Das Dunkle ist kein Ort: Es ist etwas, was zwischen Menschen entstehen kann: 


Zwei Dunkelheiten, die einander erkennen; 

Die Liebe, die nichts ist, aber von der alles kommt. 

Doch eines Tages entschied dieser so merkwürdige Mensch, weiterzugehen, zu einem Ort, wo die Dunkelheit anerkannt wird. Er will etwas gegen die Zahlenpriester unternehmen. Er will Bücher schreiben, Widerstand leisten. 

Elias versteht das. Sie beide wollen nie getrennt sein, doch so sei es geworden[NF3] . Sie umarmten sich stundenlang. 

Die Tränen tropfen auf die Erde, als ob sie die Dunkelheit erreichen könnten. 

Die Arme so eng auf den Rücken, als ob sie den Körper durchdringen könnten. 

Die verschmolzenen Dunkelheiten sind jedoch, einmal verschmolzen, nie wieder zu trennen. 



Viele Jahre danach denkt Elias oft daran.

Vielleicht fürchten die Menschen das Dunkle. 

Weil dort Dinge entstehen können,

die sich nie messen lassen,

die sich nie beschädigen lassen. 



„Leben oder nicht leben, ist eine imaginäre Lösung. Die Existenz ist anderswo.“

André Breton, Manifest des Surrealismus


“Die heutige Zivilisation, von der unsere Nachkommen zumindest Teile als Erbe vorfinden werden, enthält, wie wir nur allzu gut wissen, die Möglichkeit zur Vernichtung des Menschen, sie enthält aber auch, zumindest im Keim, die Möglichkeit seiner Befreiung.” 

Simone Weil (1934), Über die Ursachen von Freiheit und gesellschaftlicher Unterdrückung






Liu Xiangqian TEXT

Emre tolanboga BILD