NR. 03 / ANTHROPOZÄN / OUT 26.06.26

Frei.Heit
(morgen nimma)

Kaffeehausplauderei mit Max Melo und Team

Melange, Kakao und Spritzer. Kaffeegeräusch Kulisse. Prosit aus Wien: Wir treffen den jungen Theaterregisseur Max Melo und einen Teil seiner Truppe zum Interview in der Alten Bäckerei, um mehr über sein neuestes Stück Frei.Heit (morgen nimma) zu erfahren. 




Max, 21 Jahre jung, studiert Deutsch, Lehramt und Ethik. Doch mittlerweile widmet er den Großteil seiner Energie dem Theater, am liebsten in der Position des Regisseurs. In künstlerischen Bereichen bewegt er sich seit Kindesalter, macht Musik und schrieb schon immer leidenschaftlich gerne. Zum Theater kam er durch den Wunsch, die niedergeschriebenen Geschichten, Emotionen und Konzepte teilen zu wollen. Schnell hat er gemerkt, dass ihm Regie und Produktion am meisten liegen. 
Nach seinem ersten Stück Grau (in einer farbenfrohen Welt) ist er nun mit der neuesten Produktion Frei.Heit (morgen nimma) zurück. Parallel führt der junge Künstler Regie bei einer Stückentwicklung im Dschungel, wo er mit einer Stückidee eine Ausschreibung gewonnen hatte. Dass er sich überhaupt für die Ausschreibung im Dschungel anmeldete, war sehr kurzfristig, doch zehn Tage später wurde er angerufen und man wollte ihn dabei haben. Zwei Stücke gleichzeitig zu betreuen nebst Alltag und dem Studium sei auf jeden Fall anstrengend und eine persönliche Herausforderung für Max. 
Das Inszenieren und Regie führen soll jedoch wieder mehr auf Akte gelegt werden, um Zeit für das Schreiben zu haben, was ihn doch im Endeffekt ausmacht, wie Max mit seiner ruhigen Art und dem stets verträumten Blick erzählt. Eine Person, die ihn besonders prägte und förderte, war seine damalige Schauspiellehrerin Ute Bauer, deren berühmtestes Statement „Theater ist meine Leidenschaft, Französisch meine Liebe“, allen Anwesenden ein Begriff ist.  
„Würde ich einen Oskar gewinnen, würde ich sie crediten“, meint Jonathan lachend, der zu meiner Linken an seinem Kaffee sitzt. 
Der 20- jährige mit dem „resting in love face“, wie sein genereller Gesichtsausdruck nach kollektivem Beschluss betitelt wird, spielt den Winter in Frei.Heit. Schauspielerfahrung hat er aus dem Schultheater, wo Max und er dasselbe Gymnasium in Villach besuchten und bereits dort über die Begeisterung zum Schauspiel connecteten. Jetzt studieren sie nicht nur beide dasselbe, sondern teilen auch die Begeisterung für das Schauspielen miteinander. Beim WU – Spritzerstand konnte Max seinen Kumpel dazu animieren, zu dem höchst professionellen Vorsprechen für die Rolle „Winter“ zu erscheinen. Jonathan ergatterte tatsächlich die Rolle, bei dem Casting, wo mit ihm zwei Leute aufkreuzten, wie er lachend erzählt.
Der Winter, die einzig männlich besetzte und älteste Jahreszeit in dem Stück, ist von depressiver Natur. Die älteste Jahreszeit ist er natürlich, weil er als Erstes geht, erzählt Jonathan über seine Rolle. Bereits im Sterben, mit einem Fuß im Grab, ist er nicht sehr kämpferisch und nimmt die Folgen des Klimawandels mehr oder weniger hin. Besonders gelungen an dem Stück findet Jonathan die Charaktereigenschaften und Umgangsformen der personifizierten Jahreszeiten, welche die verschiedenen Reaktionen in unserer Gesellschaft widerspiegeln würden. Jonathan: „Wie gehen Leute mit diesem bevorstehenden Weltuntergang um? Depressionen, Kampfgeist, Gleichgültigkeit, Unsicherheit und der Wunsch, alles zusammenzuhalten. 

Leni, 20, studiert derzeit Psychologie und spielt den Frühling. Die Begeisterung für das Schauspielen begann bereits in der Schule durch Musical Produktionen. Später entschied sie sich für das Gymnasium Hegelgasse, wo man die Chance hat, künstlerische Richtungen zu vertiefen. Dort lernte sie auch Max kennen, als sie ihm den Taschenrechner für die Matura borgte. So richtig aber ein halbes Jahr später dann bei dem Theaterprojekt „Lab Arche“, wo sie beide bei dem Stück Nichts, was im Leben wichtig ist von Janne Teller mitwirkten, Lenis erste bezahlte Schauspielerfahrung, die ihr Lust auf mehr machte. Das Schauspielen als Beruf zu machen wäre schon ein Traum für sie, aber da man so viel hinein investieren und sein Leben ganz dieser Kunst widmen muss, gibt sich die 20-jährige fürs Erste damit zufrieden, es zum Spaß weiter zu machen und offen zu sein, falls es sie doch noch in höhere Sphären führen sollte. Damals war Max bereits klar gewesen, dass er sein erstes Stück machen wollte. Grau, in dem Leni ebenfalls mitspielte, hatte seine Premiere im November 2024. Danach fragte Max sie gleich wieder für Frei.Heit an, dessen Konzept schon sehr lange in seinem Kopf existierte, sodass sie sich direkt in die Arbeit stürzen konnten. Max nimmt die Arbeitsprozesse mit seiner Truppe als kooperativ und lebendig wahr: „Durch dieses Stück mit Janne Teller und durch das Theaterlab davor hat sich diese Gruppe, die alle in der Hegelgasse waren, so eingefleischt, dass wir mittlerweile ein organisches Team sind. Somit auch immer ein gemeinsames Erarbeiten, bei dem ich mich zurücklehnen und etwas mehr entspannen kann, weil ich weiß, dass alle die Impulse gut umsetzen“.  Er würde fast immer mit Leuten arbeiten, die er bereits kennt oder mit denen sich Freundschaften entwickelt haben. 
So ist es auch mit dem 21-jährigen Lukas. Mit den exzentrisch hochgebundenen Haaren scheint er zwar ein auffälliger Charakter zu sein, will sich dennoch dezent zurückhalten, da er „keine Jahreszeit in Frei.Heit spielt“, und diese als die wichtigsten Rollen im Stück herausstreicht. Sobald er aber ins Reden kommt, merkt man schon, warum dieser junge Mann auf die Bühne muss. Seine Rolle in dem Stück sei „tatsächlich recht relevant“, lenkt er schließlich ein, und betont, wie dankbar er ist, mitwirken zu dürfen. Und zwar als „Herr Mannmeier“, der eine Art Showman darstellt, der sich sehr präsentiert, wie Lukas findet. „Hat übrigens nichts mit Hermann Meier zu tun“. Es wundere ihn richtig, dass er jetzt diese Rolle spielt, da sich seine Schauspielerfahrung auf drei Kurzfilme beschränken würde, in denen er eine vierzigjährige Frau spielte, die im Wienerwald von einem Mörder gejagt wird. Interessant klingt es ja, doch Lukas betont, dass das für ihn kein Vergleich zu der Erfahrung sei, auf der Bühne zu spielen, nebst solchen „Giganten“ wie er die anderen Darsteller*innen ehrfürchtig nennt. Er hatte sie bereits alle bei Grau auf der Bühne gesehen und sei hin und weg gewesen von der schauspielerischen Leistung. Bescheiden ist der Herr Showman anscheinend, aber da er sich selbst hier im Kaffee sehr gut zu inszenieren weiß, sind wir überzeugt, dass er den anderen in Nichts nachsteht. Und eine vierzigjährige Frau zu spielen sei auch gelernt. Eigentlich kommt Lukas von der bildnerischen Kunst und Grafik und war beim Theater eher hinter der Bühne tätig für Ton und Bühnenbild. Dass er jetzt selbst im Rampenlicht steht und spielt verdanke er Max. 
Die beiden kennen sich „vom Saufen im Burggarten“. Die Anekdote ihres Kennenlernens können sie uns nicht vorenthalten. Nach einer anstrengenden Shoppingtour mit seiner Mutter wäre Max fast nicht zu der Feier einer Freundin in den Burggarten gegangen, ließ sich aber von ihr überreden, „danke Mama an der Stelle“, und kam dort mit dem einzigen Typen ins Gespräch, der rauchend in einer Horde Mädchen saß. Max hätte nicht gedacht, dass er sich ausgerechnet mit diesem Partygast gut verstehen würde: „Ich dachte, er kommt aus einer ganz anderen Ecke.“ Aber da sie beide Musik machen hatten sie einen ersten gemeinsamen Anhaltspunkt, über den sie dann aber gar nicht so viel redeten, stattdessen über das Theater. „Ich habe ihn dann sitzen lassen, alleine mit einer Gruppe Franzosen, denn das war der einzige Tag jemals, an dem ich meinen Schlüssel vergessen hatte, deshalb musste ich nach Hause“, erzählt Max. Lukas, deutlich traumatisiert, erzählt, wie er mit seinem spärlichen Französisch versucht hatte, bei der Unterhaltung mitzuhalten, und bringt damit unsere Runde zum Lachen. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns danach dann nochmal groß sehen“, erzählt Max, aber Lukas sei auf ihn zugegangen, was ihn total gefreut hätte, da es eine Phase war, in der nicht so viele Leute, besonders Männer, auf einen zugegangen seien, meint Max. Lukas machte dann für Max ein Bühnenbild und einen Trailer, und so blieben sie künstlerisch im Austausch. 
Lukas über Herrn Mannmeier: „Meine Rolle ist, einerseits dadurch, dass ich so wenig Schauspielerfahrung habe, andererseits weil Max mich so gut kennt, um mich rum geschrieben worden.“  Er findet sie insofern extrem spannend, weil sie sehr viel weg läuft vor diesem System und es dennoch einfach nicht sein lassen kann dagegen zu rebellieren, aber auch daran zerbricht. „Wie Freiheitskämpfer, die einfach das Feuer in sich nicht zum Ersticken bringen können, denen aber immer wieder ins Gesicht geschlagen wird.“ Am Ende des Tages stehen sie aber auf, obwohl sie sich selbst mit dem Kampf für etwas Größeres zerstören. 
Max ergänzt: „Es geht bei den Rollen der Moderatoren ganz viel um Kompensation, im Fall von Herrn Mannmeier mit Alkoholismus und dem sturen Grundsatz: ,Das ist halt ebenso.’” 

Der Sommer kann heute leider nicht dabei sein, auch draußen ist es ziemlich kalt für April. Christina, die diese Rolle verkörpert, ist erst 17 und kommt wiederum aus einer ganz anderen Ecke. Max lernte sie in einem Theaterworkshop kennen, bei dem er ausgeholfen hatte, und ihre Power hätte ihn so überzeugt, dass er niemand anderen in der Rolle für den Sommer haben wollte. 
Auch Regiepartnerin Olga, eine langjährige Freundin von Max, ist heute nicht dabei, doch Max erzählt, Olga hätte nochmal mehr das organisatorische Talent als er selbst. Sie behält den Überblick, denkt mit, schreibt mit, kümmert sich um die Requisiten und allerlei anderes. 




Die Idee für Frei.Heit kam als Max im Theater Arche, als er ein Stück von Jelinek angeschaut hatte, eine Collage aus „das Lebewohl“ und „Wolkenheim“. Da gab es zwei Sprecher, die sich auf der Bühne über Politik ausgelassen hätten, was ihm total angesprochen hätte. Einerseits generell das Thema Politik, andererseits die Erzählmethode, in welcher ein Dialog von zwei Frontalpersonen geführt wird, die das Publikum unterhalten und mit ihm interagieren. Von diesem Impuls ausgehend ist sehr schnell eine Seite Text entstanden, im Sommer 2024, also noch vor Grau. Diese Seite sei dann auf Akte gelegen, bis circa zwei Monate nach Grau, als Max den Wunsch verspürte, die Stückidee weiter auszubauen. Die wichtigste Frage war für ihn dabei von Anfang an: „Wie schaffe ich es zwei Leute alleine interessant zu machen?“ Rasch war klar für Max, die beiden Hauptpersonen sollen Moderator*innen sein, die im Kontext einer Late Night Show auftreten, welche Propaganda für ein utopisches Einmannpolitikreich macht. „Ich nehme mir sehr viel vor und will da immer viel rein haben“, meint Max, weshalb er sich für zukünftige Stücke vornehme, einen Gang runter zu schalten und darauf zu vertrauen, dass man auch aus weniger mehr machen kann. Damals, vor eineinhalb Jahren war ihm gar nicht klar, wie er diesen selbst gestellten Anspruch an Fülle mit zwei Hauptcharakteren bewältigen könnte. Einerseits wollte er auf jeden Fall, dass sie gesellschaftliche Probleme wie Schönheitsideale, soziale Medien und Klimawandel beleuchten würden. Andererseits wusste er, dass er mit diesen Themen, kontextualisiert von nur zwei Leuten, das Publikum nicht erreichen würde. „Die Leute sind einfach fertig von Frontalem.“ Also war die Herausforderung die Leute, die immer hören, dass der Klimawandel die Welt zerstören wird, neu dafür sensibilisieren, sodass es wirklich unter die Haut geht. Max wollte also die vier Jahreszeiten inszenieren. Generell ist er ein Fan von Personifikationen, inspiriert von Julien Bam, der die Zahnfee, den Weihnachtsmann und so weiter gelungen personifizierte, laut Max. Dasselbe wollte er mit den vier Jahreszeiten machen, und begann vor circa einem Jahr, einen Sketch zu schreiben, der wie nichts von der Hand ging. 
Der Cast setzt sich nun also zusammen aus dem Moderationsduo, den vier Jahreszeiten, Herrn Mannmeier, dem Diktator und einer außenstehenden Person, Kiran, die das Ganze immer wieder kritisch aus der Perspektive von jungen Leuten hinterfragt und dabei klar macht: „Wir müssen Neues versuchen, uns geht es nicht gut, unsere Zukunft hängt davon ab, wie wir jetzt handeln“. Das sei auch das eigentliche Thema und die Kernbotschaft des Stücks. Seit Anfang Jänner wird geprobt, in Blöcken, weil alle so viel zu tun haben. Schule, Zivildienst, mehrere Studien. 
„Ich schreib schon sehr gerne auf eine Person hin“, erzählt Max, der von Anfang an wusste, wen er als Moderationsduo haben wollte, wobei er auch überlegte selbst einen der Moderatoren zu spielen, da ihm auch das Spielen viel Spaß machen würde. Der Diktator sollte eigentlich eine stumme Rolle sein, ist jetzt aber doch eine größere Rolle geworden, die den Faschismus wirklich mit Gesicht inszeniert und in Form des bekannten performativ male auftritt, um zu zeigen, er ist mitten unter uns. „Ich sag immer ganz gern: ein neo- faschistischer Rockstar“, schmunzelt Max. 
Ihn interessiert, wie die einzelnen Darsteller*innen der Jahreszeiten ihre Rollen selbst wahrnehmen und umsetzen. Leni, der Frühling, erzählt, wie wichtig es im Prozess gewesen wäre, erst einmal zu verstehen, wer sie, als personifizierte Jahreszeiten, sind und was sie ausmacht im Gesamtkontext des Stückes. „Jede Jahreszeit hat extrem spezifische Eigenschaften“, meint die 20-jährige. Der Frühling beispielsweise sei jung und auch ein wenig unsicher, wie auch das Wetter im Frühling. 
Für Max haben sich die Rollen in der Entwicklung und im Diskurs mit ihren Darsteller*innen doch nochmal geändert und weiterentwickelt. Die Kostüme allerdings hatte er von Anfang an im Kopf gehabt. Winter sollte sehr edel sein, der Sommer sehr peppig mit Lederjacke, der Herbst in eleganten saisonalen Farben. Frühling war am schwierigsten, eben weil er so wandelbar sei. Am Ende sei es eine Regenjacke und ein Blumenkranz geworden, recht direkt. Max hat gerne ein Baukastensystem, bei dem er seine Schauspieler*innen viel auf der Bühne hat und sie dort in verschiedene Rollen schlüpfen lässt. Bei Grau hätte das ein wenig Überhand genommen, sodass man sich teilweise nicht mehr ausgekannt hätte. Aber diesmal würde es ganz gut aufgehen, da die Jahreszeiten Doppelrollen sind, nämlich auch Crew-Mitglieder in der Late Night Show, die von ihnen dann zum Protest gemacht wird. Das war eine Herausforderung, hier einen logischen Weg zu finden. „Der Sommer, quasi einzig überlebende Jahreszeit im Klimawandel, musste ja pro Klimawandel und somit pro Diktator sein“, erläutert Max. „Als Crew-Mitglied war der Charakter dann aber total gegen den Klimawandel, und es hat gar keinen Sinn mehr gemacht.“ Deshalb habe nun in der Endfassung jedes Crew-Mitglied die Meinung der Jahreszeit. Improvisationen gibt es, vor allem die Interaktion der Moderator*innen mit dem Publikum gibt hier viel Spielraum. Da kann man sich im Vorfeld natürlich einiges überlegen, auf das immer zurückgegriffen werden kann, meint Lukas, aber es hinge dann auch sehr vom jeweiligen Publikum ab. Ein Risikofaktor sei natürlich immer dabei, was es aber so interessant mache. 

Und wie geht es weiter mit Max Melo? Seine persönlichen Ziele für die nächsten Zeit: Regie am Max Reinhard Seminar studieren, nicht zuletzt wegen des Hofes, grinst er. Eine neue Stückidee mit dem guten Jonathan in der Hauptrolle existiert auch bereits. 

Man darf gespannt sein.