Intimität im Anthropozän
– Anne Carson, Plainwater.
Das Innerste
Das Wort selbst kommt vom lateinischen intimus, was „innerste“, „tiefste“, „vertrauteste“ bedeutet. Also das größtmögliche Vertrauen, die tiefste Tiefe, das verborgenste Innerste unseres Selbst in Verschmelzung mit dem einer anderen Person. Intimität nur sexuell zu verstehen, wäre eine nicht hinreichende Perspektive, die der Intimität ihre Grundzüge absprechen würde. Intimität setzt keine romantischen Gefühle für ein Gegenüber voraus, sondern eine Tiefe zwischen zwei Menschen, die auf Vertrauen basiert.
Und auch hier meine ich nicht nur im Kontext von körperlicher Intimität und Sexualität. wobei ich auch hier körperliche Intimität nicht zwingend als sexuell verstehe.
Desire
Die von mir hungrig gelesene, kanadische Dichterin und Essayistin Anne Carson schreibt in ihrer Gedichtsammlung Plainwater über desire – Wünsche als Begehren, als eine Art des Ziehens und gezogen Werdens. Hin zu einem anderen Menschen, aber auch zu einem Traum, einer anderen Realität, einem Ort, einem Zustand, einer Aufgabe. Hin zur Intimität. Wir alle begehren Intimität, es ist ein Gut, das uns lebendig hält und dessen Sehnsucht tief in jedem atmenden Körper verankert ist. Eine Sehnsucht, die uns aus unserer Komfortzone treibt, uns herauszieht aus dem sicheren Terrain, dem Bekannten. Aus uns selbst, aus unserer Haut, vielleicht hin zu einer anderen Haut, in andere Sphären, zu anderen Menschen, in das dunkle, samtige Unbekannte.
Wir begehren Intimität jeder Art. Was könnte einfacher sein, als dem zu folgen, was der Körper schon weiß, was in ihm gesät ist von Geburt an und darauf wartet, sprießen und blühen zu können. Ein Vorbewusstsein, eine Ahnung, die unter der Haut brennt. Für mich ist Intimität und die Sehnsucht danach einer dieser Samen, die eine schmerzende Lücke in uns erzeugen, wenn sie nicht genährt werden. Und dennoch ist die Suche nach ihr eine Herausforderung für ein ganzes Leben. Suche nach Intimität mit uns selbst, als die wandelbaren Wesen, die wir sind. Intimität mit unserer Außenwelt, mit der wir im ewigen Wechselspiel stehen. Intimität mit anderen Menschen, die etwas in uns anrühren. Intimität mit der Natur um uns herum.
Verletzlichkeit
Mehr noch ist es das Zulassen von Intimität, wenn man sie dann gefunden hat. Denn um sie geben und empfangen zu können, müssen wir uns verletzlich machen. Da ist eine große angreifbare Fläche namens Verletzlichkeit. Intimität kann Schmerz provozieren, produzieren. Es ist nicht leicht, sein Herz herausgerissen auf den Rippen zu tragen. Nie finden wir uns so entblößt, so ursprünglich wie in den ehrlichsten Momenten der Intimität. Die Nacktheit, die ich verspüre, ist für mich vor allem metaphorisch präsent. Ein ehrliches heart to heart Gespräch, kann dieses höchste Maß an Intimität darstellen, wenn sich hinter keinen dekorativen Worten mehr versteckt wird, sondern nur das Echo von dem aus uns spricht, was tief in uns flüstert, so leise, dass wir uns kaum trauen, es laut auszusprechen aus Angst es könnte dann einfach zerbrechen, zerfließen, so fragil scheint unser Kern. Den wir offenbaren können, haben wir die Angst vor der Verletzlichkeit einmal überwunden. Die Angst vor dem Verurteilt werden. Die Angst vor dem Verlassen werden.
Spiegelungen
Durch Intimität lernen wir uns selbst besser kennen. Es gibt Dinge in uns, die wir erst aktiv wahrnehmen, wenn sie in Relation zu einem anderen Menschen projiziert werden. Wie eine Videoaufnahme auf eine weiße Wand projiziert werden kann, werden Regungen des Selbst auf einer anderen Haut, in einem anderen Blick, in der Reaktion und den Worten des Gegenübers, in der Interaktion veranschaulicht. Wir lesen uns selbst auf einmal an den Anderen. Manchmal erschrecken wir. Manchmal staunen wir. Manchmal bereuen wir. Doch wenigstens wissen wir, das ist das ganz unverfälschte Ich, oder ein Teil davon.
Meine Generation ist besonders geprägt von dem Gefühl des Verlorenseins, im Dunklen wandern, auf der Suche nach etwas, das wir unsere Identität nennen können. Intimität und eben jene Spiegelungen können uns dabei helfen, herauszufinden, was wir uns wünschen, begehren, erträumen. Wer wir sein wollen oder auch nicht sein wollen. Und das unfassbare Potenzial der Zwischenmenschlichkeit als Nahrung für das Individuum.
Symbiosen
Intimität fordert Körperlichkeit in einem digitalen Zeitalter. Intimität fordert Vertrauen in einer verräterischen Welt. Intimität fordert Symbiosen, Symbiosen des Selbst mit dem (der) Anderen. Ein Selbst mit einem anderen Selbst. Ein Wimpernschlag mit einem anderen Wimpernschlag. Eine Haut mit einer anderen Haut. Ein Blick mit einem anderen Blick. In unserer Zeit, in der alles durchchoreographiert scheint, fühlt sich das Intimität zulassen oftmals an, als würde man sich vor einer ganzen Menschenmenge ausziehen. Als würden die dunkelsten Geheimnisse auf einer öffentlichen Veranstaltung verkündet. Als wäre die Musik immer durch die Kopfhörer hörbar. Als würde jeder Schritt den Boden zum Einstürzen bringen. Die Welt ist laut und die Intimität leise. Aber wenn sie dann da ist, ist es plötzlich ganz still, und sie wirkt so laut, alles um uns hält den Atem an, und die Intimität ist hörbar, spürbar, riechbar, kann sich nicht mehr verstecken. Wir sind entkleidet, entblößt, auf die ehrlichste Art präsent, im Resonanzraum mit anderen Personen. Im Kontext von heterosexuellen, zwischenmenschlichen Beziehungen, sei es nun eine romantische Liebesbeziehung oder eine Vater- Tochter Beziehung, finden wir uns besonders herausgefordert, Intimität zu erfahren, zu erschaffen und zuzulassen.
„The difference between women and men is a boundless sea“, schreibt Carson hierzu. In diesem Meer des Unterschiedes finden sich zwei Wellen im Gleichtakt und in Harmonie mit dem großen Ganzen, finden Intimität. Intimität ist der Raum, mit dem dieser ozeangleiche Unterschied überbrückt werden kann, wir ans andere Ufer schwimmen können.
Ein weiterer Punkt ist das Performen von Intimität. Die kanadische Fotografin und Schriftstellerin Petra Collins meint im Gespräch mit dem Magazin 032c: “We face Intimacy and Sexualtiy but I don’t think it’s real”. Ich stelle mir die Frage, ob es in dem Moment, in dem sie performt wird, überhaupt noch Intimität ist? Nähe vorzutäuschen, die man nicht empfindet, ist ein Belügen des Selbst und des Gegenübers. Intimität ist für mich aber das höchste Maß an Authentizität. Ehrlich zu uns selbst zu sein und sich den Raum zu nehmen, keine Nähe erzeugen zu müssen, wenn man sie nicht empfindet oder begehrt, ist ein wichtiger Schritt, um wahre Intimität erfahren zu können. Das gilt für oberflächliche Gespräche, belangloses Daten, unbewussten Sex, permanentes Extrovertiert sein… Ich denke wir alle können unterscheiden zwischen Situationen, in denen wir authentische Intimität erfahren konnten, sodass uns diese Momente Energie gegeben haben, und jenen Szenarien, in denen es uns auslaugte, ein scheinbar vertrautes Gespräch zu führen, unsere Freizeit mit jemandem zu teilen oder sich körperlich nahe zu kommen. Jene Momente gilt es zu erkennen und zu reduzieren, sodass wir mehr Energie und Lebenslust aus der Nähe zu anderen, zu unserer Umwelt und zu uns selbst schöpfen können.
Zoé Wagner TEXT + BILD