NR. 03 / ANTHROPOZÄN / OUT 26.06.26

Kleine Konzerte und echte Menschen

im Gespräch mit Julia

Halbtrocken ist dazwischen. Halbtrocken ist nicht lieblich und nicht trocken. Der Name steht für ambivalente Unschlüssigkeit. Die Musik legt sich nicht fest. Ist weder glücklich noch traurig. Die Texte drehen sich um die Grauschattierungen zwischen den Dingen.” Damit erklärt Julia nicht nur die Herkunft des Namens, sondern auch dessen Aussage und den Zusammenhang mit ihrer Musik. 
“Welcher Wein schmeckt dir denn nun am besten? Der Halbtrockene?”
Julia denkt kurz nach, lächelt: “Hauptsache rot.”


In Zeiten einer immer gnadenloser werdenden Musikindustrie scheinen kleine KünstlerInnen nach und nach zu verschwinden. Ob fehlende Bühnen, fehlende Wertschätzung oder fehlende finanzielle Unterstützung - in diesem Spannungsfeld zu navigieren ist sicher nicht leicht. Einen Einblick ins Musikmachen, in die schönen Seiten und die Herausforderungen, gewährt Julia, auch bekannt als Halbtrocken

Sie wohnt im Herzen Altonas, einem der geschichtsträchtigsten Stadtteile Hamburgs. An den Wänden ihres Zimmers hängen Poster; Schallplattenstapel verteilen sich über den Raum und nicht nur eine Gitarre ziert das Ensemble. Die Atmosphäre ist gemütlich, verträumt. Man kann sich gut vorstellen, wie in dem großen Sessel am Fenster, in dem Julia oft sitzt, Lieder entstehen. So erinnert das sanfte Vogelgezwitscher, das durch die Fenster dringt, an das Intro des Songs ‘Child you Raised'.

Als ich frage, was sie motiviert hat, mit Musik anzufangen, lacht sie: “Solange ich denken kann, singe ich. Gitarre spiele ich seit der Grundschule.” Auch ihre Familie hatte großen Einfluss. So war die Gibson – unter Kennern eine legendäre Gitarre – ein Geschenk ihres Onkels. (Es wäre schade, wenn die nur noch zuschaut.) 
Als es um Inspiration geht, fallen zwei Namen: Joan Baez, die “Queen of Folk” und Joni Mitchell, ebenfalls Folk- und Jazz-Ikone. Die Einflüsse dieser großen 70er-Jahre Künstlerinnen fallen in Julias Stil, Auftreten und sogar stimmlich direkt auf. Ihre Musik lebt von Gitarre und Stimme. Sie beschreibt ihren Stil als ‘dream-folk-noir’ – verträumt, manchmal groovy, zeitweise auch stampfend oder treibend, erzählerisch. “Mehr Adjektive fallen mir nicht ein”, bemerkt sie lachend.

Um Songs zu schreiben braucht es aber nicht nur Vorbilder, sondern auch eigene Ideen. “Jedes Lied entsteht aus einer intensiven Emotion heraus”, erklärt sie. Einen Song zu schreiben bedeutet also, sich dieser Emotion – ob glücklich oder traurig -  zu widmen, eine Verarbeitung dessen und letztlich auch die Umwandlung in etwas Schönes. 
Besonders der bereits angesprochene Song ‘Child you raised’ reißt emotional mit, denn er behandelt ungelöste Familiendynamiken, die Menschen, die einen großziehen. Julia erzählt hier eine Geschichte vom Aufwachsen, von vererbtem Trauma, von Vermissen und Vergeben. Sie beschreibt eine Auseinandersetzung, die wohl vielen bekannt vorkommen dürfte: Wie findet man die Balance zwischen Wertschätzung und Kritik gegenüber der eigenen Familie? Solche Intensität begleitet einen manchmal bis auf die Bühne und ist auch für das Publikum spürbar. 

Bei diesen Auftritten steht neben Julia auch Yannick auf der Bühne. Mit seiner Gitarre komplimentiert er Julias Gesangs-Gitarren-Kombination. Er wisse, wie es funktioniere, worum es gehe und wie er ergänzen könne, schwärmt Julia. 
Clara ist der Neuzuwachs und hat bei einigen Auftritten durch ihr Spiel an Klavier und Geige berührt. 

“Es hört sich nie so an, wie man möchte. Es soll so klingen, als würde man im Zimmer sitzen und ich würde das gerade spielen.” Das klänge authentischer. Musik machen ist nicht immer einfach. Es kann auch frustrierend werden.
“Was ist in unserer Zeit wesentlich?” Julia erklärt, dass es kaum möglich sei, sich von Musik zu finanzieren – gerade Corona und Spotify hätten nochmal großen Einfluss auf die Industrie genommen. Auch der Druck auf Social Media Präsenz zu zeigen – besonders bei aufstrebenden KünstlerInnen – sei gestiegen. All das kann aus einer Leidenschaft eine Pflicht machen und die Freude am Schaffen beeinträchtigen.
Deshalb appelliert sie: “Kleine KünstlerInnen unterstützen, kleine Konzerte und echte Menschen!” 


Die Chance genau darauf gibt’s am 26.06. in Hamburg. Halbtrocken spielt um 19 Uhr im Wohl oder Übel einige Songs. Wer sich von der oben beschriebenen Bühnenpräsenz selbst überzeugen möchte, sei herzlich eingeladen, einen musikalisch vorzüglichen Abend zu begehen (und dabei echte Menschen zu unterstützen).