Zwei Jahre nach dem Erfolg von „klarkommen“ erscheint im August Ilona Hartmanns dritter Roman – „Junk“. Ein persönlicher Aus- und Rückblick mit (Vor)freude.
Ein weiteres Jahr, ein weiteres Umziehen. Auch in diesem sind es wieder ein paar tausend Menschen mehr, die die Großstädte fluten – heraus aus der Ruhe, hinein in die Hektik, oder zumindest in die Erwartung davon. Denn für viele wird es der erste große Umzug sein, und der hängt bekanntlich mit großen, sehr großen Erwartungen zusammen – ein bisschen à la „Die große Vision für später sah vor, nachzuholen, was jetzt nicht erreichbar war. Also alles.“ Ein paar dieser Menschen, will ich meinen, waren dabei weniger aufgeregt als andere. Und das hatte, will ich auch meinen, einen ganz bestimmten Grund: „klarkommen“
Als 2024 Ilona Hartmanns zweiter Roman erschien, habe ich gerade mein Abitur gemacht. Dieser zweite Roman – auf dem sich bekanntlich die meisten Erwartungen der Feuilletons stapeln – hat es mir erleichtert, aus- und wegzuziehen, von der alten in die neue Hauptstadt, quer durch die Republik. Er hat mir die Tür ins Alleineleben aufgehalten. Und dabei ein wenig den Druck von meinen Schultern gezaubert, immer nur Superlative erleben zu müssen. Denn die Enttäuschung kann groß sein, wenn die Jugend keine Jugend ist, sondern ein ‘Immeranders’ der Erwartung – ganz so, wie die Erzählerin im Prolog von „klarkommen“ es andeutet: „Ich wollte doch wirklich gerne meine Jugend verschwenden, aber doch nicht so.“
Ich konnte also in einer Ruhe wegziehen, die ich vor der Lektüre nur selten gefühlt hätte. Die Autorin selbst fand den passenden Begriff für diese Art von Literatur, das ganz nebenbei begründete Genre ihres Romans: Entlastungsliteratur – mit dem löblichen Ziel, Menschen die emotionalen Hürden der westlich modernen Welt zu nehmen: das Immer-Schneller, Immer-Weiter, Immer-Mehr. Bei mir hat’s geklappt. Ich kann’s nur jedem empfehlen.
Diese Entlastungsliteratur ist gerade deshalb so entlastend, weil sie etwas erzählt, worüber sonst geschwiegen wird: das stille Scheitern an den eigenen Ansprüchen, das kollektive Gefühl, irgendwie nicht ganz mitzukommen – und trotzdem weiterzumachen.
Dabei beherrscht Ilona Hartmann die Magie, in kleinen Dingen das Große zu finden. Pars pro toto, mögen einige in der Schule gelernt haben – Hartmann macht es einfach, feuert Einzeiler auf Instagram ab, ironisch und popkulturell, und genauso wertvoll wie ihre großen Geschichten. Sie stopft sie voll mit den Gefühlen einer Generation, die längst mehr als eine Generation ist: ein Kollektiv, das – so würde man meinen – im Geiste eins ist. Es ist dieses spätkapitalistische Pochen, ein leiser Herzschlag, so omnipräsent, dass man ihn gar nicht mehr hören möchte. Man merkt, dass etwas falsch läuft – und erst wenn es mal ganz still wird, hört man es pochen und flüchtet wieder ins Schnelle und Laute. Genau aus diesem Herzschlag heraus scheint Hartmann zu schreiben. Woher sonst kämen diese Rückverzauberungen des alltäglich Bekannten, die sich in all ihrem Schreiben finden?
Woher kommen die „3 high proteinnüsse für aschenbrödel“, warum sind „geist und körper im dreiklang (etwas stimmt nicht)“ oder warum ist „text der podcast für die augen“?
Es scheint ihr um den „Zauber des seitlich dran Vorbeigehens“ zu gehen – um es mit einem Buchtitel von Max Goldt zu sagen. Dieser Zauber entlädt sich auf Instagram wie in Bestseller-Romanen, im Spiel mit einer urban chicen, dreckig antihippen „Würde des Unbekannten“, in der Novalis einst die Aufgabe der Kunst sah.
Die Erzählerin von „klarkommen“ bringt es auf den Punkt. Es sind die „realitätsfernen Romantikfreaks“, von denen all ihre Geschichten zu erzählen scheinen – im besten Sinne.
So komponiert Hartmann kleine und große Hymnen auf eine identitäre Sehnsucht des Jungseins, des Verlorenseins in der Welt. Das ist schön und tut gut. Denn sie nimmt sich Zeit, dorthin zu schauen, wo eigentlich ungern hingeschaut wird – ob es das Ungeile der Jugend ist, die schönen Nischen des Lebens oder, wie in ihrem dritten Roman „Junk“, die Nischen von Kellern. Denn dorthin, da wette ich, hat der Großteil der Lesenden (mich eingeschlossen) seit mindestens einem Monat nicht mehr geschaut.
In ihrer neuen Geschichte erfindet sie – wie auch sonst – wieder ein neues Genre: „Happysad“. Der Klappentext verrät es schon: „Eine Frau hat Angst vor einem Arzttermin. Um sich abzulenken, geht sie in ihren Keller. In den falsch oder gar nicht ,,beschrifteten Kisten findet sie statt Ruhe und Zerstreuung ein Archiv nicht getroffener Entscheidungen und inkonsequent gelebter Leben.“
Und doch scheint der Roman wieder zu entlasten. Das „worauf es im Leben eigentlich ankommt“ wird schließlich auch gefunden. Um Trödel und die Seele geht es, um die großen Fragen: „Was braucht es für ein gelungenes Leben?“ – Fragen, die die Protagonistin stellt, und die wir, so zu erwarten, uns auch stellen müssen. Und das ist gut so. Vergessenen ‘Müll’, ja, vielleicht auch verdrängten ‘Müll’ haben wir alle genug zuhause oder in unseren Leben stehen. Nachdem Hartmann ihre Leser*innen hat klarkommen lassen, gibt’s jetzt eben bisschen Junk.
Ich freue mich auf die Lektüre.
Der Roman „Junk“ erscheint am
27.8.2026 bei park x ullstein
27.8.2026 bei park x ullstein
mein trash ist mein teacher
Müll hat einen schlechten Ruf. Zu Recht, wir alle produzieren zu viel davon, seit Jahrzehnten, für Jahrtausende. Seit ich mich intensiv mit den Dingen, die wir besitzen, den Versuchen, sie loszuwerden und der Kapitulation vor dem eigenen Inventar beschäftigt habe, glaube ich, was wir wegwerfen sagt mindestens genauso viel über uns aus wie das, was wir besitzen. Bedeutet das Besitzen eigentlich nur: Noch nicht weggeworfen? Drei Geschichten aus meinem jüngsten Müllchronik möchte ich erzählen.
Bio Kräutertee Basische Kräuter, lose, 75g 2,75€
Vor ungefähr zwei Jahren hatte ich eine Phase, in der ich dachte, mein Säure-Basen-Haushalt sei aus dem Gleichgewicht. Obwohl ich schon länger wusste, dass dieses Konzept medizinisch nicht belegt ist und ich außerdem insgeheim schon ahnte, dass eher mein Sriracha-Konsum der Grund für ständiges Sodbrennen war. Es fühlte sich aber gesund und fürsorglich an, mir diesen Tee zu kaufen. Die Zutaten klangen auf die richtige Art nicht besonders lecker (Brennessel, Zitronengras, sowas) und deshalb glaubhaft wirksam. Für die nächsten zwei Jahre also brühte ich mir davon mächtige Tassen, ließ den Tee wie immer ein wenig zu lange ziehen und jedes Mal durchfuhr mich beim ersten Schluck die gleiche Kaskade an Gedanken: “Bah. Hm. Naja. Soll ja helfen.” Der Geschmack erinnerte an Heu, aber nicht frisches, süßlich duftendes Heu, sondern bitter und flach, Heu aus einem schlechten Sommer. Mit Blick auf meine randvolle Tasse und die kaum leerer werdende Packung bereute ich meinen Kauf sehr schnell.
Neulich fiel mein Blick auf das Teeregal mit dem noch zu einem Drittel vollen Glas mit Basentee. Sodbrennen hatte ich schon länger nicht mehr gehabt, was vermutlich daran lag, dass ich keine scharfe Soße mehr im Kühlschrank hortete. Ich griff das Glas und schüttete die mattgrünen Teeschnipsel in den Kompost. Es fühlte sich schlecht an, schuldig. Dass es so weit gekommen war, hätte ich durch ein wenig Selbstreflektion verhindern können. Wie oft musste ich das noch erkennen? Ich schwor, mir die Lektion des Basentees gut zu merken. Vor allem aber war ich erleichtert. Nie wieder musste ich dieses schreckliche Gebräu trinken. Ich hatte die mir selbst angelegten Ketten durchgeschnitten und freute mich jetzt über die neue Bewegungsfreiheit. Auch eine Art, positive Gefühle herzustellen.
Bikini von Vinted, Neu mit Etikett, 2,80 € inkl. Käuferschutzgebühr, zzgl. 2,95€ Versand
Ich dachte: 2€. Ich dachte: Neu und ungetragen. Ich dachte: Klar bin ich nicht gern im Wasser, aber man weiß ja nie. “Doch, man weiß! Du weißt!”, hätte eine Stimme, meine, schreien müssen. Stattdessen fischte ich die vier Polyester-Dreiecke an Schnüren aus einem gepolsterten Briefumschlag und legte sie in meine Strandtasche. Das Etikett ließ ich erstmal dran, man weiß ja nie. Warum habe ich eine Strandtasche? Keine Ahnung. Ich dachte, das hat man halt.
Jeder Kontakt mit Wasser, der über die tägliche Körperpflege hinausgeht, ist mir zuwider. Ich will nicht ins Freibad, ich will nicht ins Dampfbad, ich will nicht an den See, ich will nicht ans Meer. Ich will keine Bootstour machen, ich will nicht Kajak fahren, ich will nicht surfen oder den rain auf meiner skin feelen. Als ich erfahren habe, dass sogar Neoprenanzüge innendrin eine dünne Schicht Wasser zur Isolation haben müssen, war der letzte Weg ins Wasser für mich versperrt. Am besten wäre gewesen, in eine bauchhohe Angler-Latzhose aus Gummi mit angebauten Gummistiefeln zu investieren, aber die gab es nicht auf meiner Vinted-Startseite in neu und mit Etikett für 2€.
Nach ein paar Wochen fiel mir der Bikini wieder ein, wie er da ordentlich gefaltet in der Strandtasche lag, zusammen warteten sie auf einen Tag, der nie kommen würde. Wegwerfen fand ich falsch, Weiterverkaufen war mir zu anstrengend, um ihn an Freundinnen zu verschenken, war er ein wenig zu hässlich. Auf den Straßen Berlins herrscht ein reger Warenverkehr durch “Umsonst”-Kisten in den Hauseingängen. Weil ich darin von Sexspielzeug bis Milchpumpen schon alles gesehen habe, fand ich das eine gute Option, den Bikini dem Kreislauf wieder zuzuführen. Eines Abends zog ich also los, musste ja nicht jeder mitbekommen, und wählte einige Straßen weiter eine noch halb volle Umsonstkiste als den Ort seiner Auswilderung. Zwischen zerlesenen US-Thrillern und Kaffeetassen mit grauen Schlieren platzierte ich ihn. Es fühlte sich kriminell an, aber besser als Wegwerfen.
Einige Tage später kam ich an der Stelle noch einmal vorbei. Die Kiste war weg. Mit etwas mehr Selbstreflektion hätte ich mir dieses Abenteuer sparen können. Wie oft musste ich diese Lektion noch lernen? Wenigstens, dachte ich, wird einer von uns beiden das Meer sehen und dort gut aufgehoben sein. im Wegwerfen, im Freilassen liegt auf diese Art ein Trost.
160 Seiten Kopierpapier, 100% Recyclingpapier, DIN A4, 80g/m2
Ich schreibe nie freiwillig. Es ist anstrengend und einsam. Es gab immer einen Auftrag: In der Grundschule für Aufsätze, im Gymnasium als Nebenjob für die Kreiszeitung, für den Uni-Abschluss, später als Vollzeitjob in Büros mit bodentiefen Fenstern oder als Selbstständige am offenen Ende eines U aus Chaos auf meinem Schreibtisch. Einfach so mal drauf loszuschreiben passiert mir nicht. Vielleicht heißt das, dass ich in Wahrheit keine echte Autorin bin, nur eine Schreibameise. Aber ich habe eben keine geheimen Romanideen in der Schublade und auch keine angefangenen Skizzen, die ich irgendwann fertigstellen müsste. Und dementsprechend auch keine Textfragmente, die im Müll landen können. Es gibt nur einen Moment, in dem ich einen Text wegwerfe. Wenn nach abgeschlossenem Lektorat der Roman fast fertig ist und ich die druckfertigen, schön gesetzten Seiten nochmal zur Durchsicht bekomme, den Text zum ersten Mal nicht in Courier, sondern Times New Roman gelesen und wahrscheinlich noch bestürzend viele Fehler gefunden habe, dann, danach, kommt dieser Stapel feierlich ins Altpapier. Es fühlt sich irgendwie seltsam an, als fände ich es nicht gelungen und wolle es für immer verschwinden lassen. Ich sage Tschüss, die Seiten rascheln nur und sind erstaunlich schwer. Es ist die gute Art von Wegwerfen. Es war notwendig, den Text physisch zu lesen. Und es war notwendig, ihn zu entsorgen. Keine Schuldgefühle, nur das kleine Dopamingeschenk einer erledigten Aufgabe. Es ist ein körperlich spürbarer Prozess, viel stärker, als es eine gelöschte Datei je auslösen könnte. Manchmal denke ich ans Mittelalter, als Unrat einfach durchs Fenster entsorgt wurde. Hygienisch war es nicht, aber Bock hat es wahrscheinlich schon gemacht.
In zwei Wochen fahre ich übrigens ans Meer. Natürlich wegen eines Schreibjobs. Luxuriöse Außendienst-Einsätze sind selten und aufregend, ich bin schon jetzt nervös. Habe ich darüber nachgedacht, einen beruhigenden Tee zu kaufen? Ja. Aber ich habe es nicht getan. Die Lehren des Mülls sind manchmal nachhaltiger als die Produkte selbst.