NR. 03 / ANTHROPOZÄN / OUT 26.06.26

Schemenhaft  


Sarah Mühlbacher hat das Cover der aktuellen Stammcafé-Ausgabe gemalt. Die gebürtige Salzburgerin studierte Malerei und Grafik an der Kunstuniversität Linz und zog 2025 nach Wien. Ein Foto, das sie fünf Jahre lang nicht gesucht hat, wurde zum Titelbild. Jonas und ich haben sie in ihrem Atelier besucht.

Der Bus wirft mich an der Pilgrammgasse aus. Zu spät, denke ich mir, wie immer. Draußen riecht es nach aufgewärmtem Asphalt und frischem Aufbruch – es wird Frühling in Wien, und die Wiener Linien feiern das auf ihre eigene Art: Sie bauen. 

Ich treffe mich mit Jonas, er wartet bereits mit einem Espresso in der Sonne. Der Plan: Kaffee trinken, Ideen besprechen, Interview vorbereiten. Über Ersteres sind wir uns einig, über Letzteres reden wir kaum. Wir leeren unsere Pappbecher und laufen in Richtung Castelligasse.



Sarah öffnet uns die Tür. Noch bevor wir sie richtig begrüßt haben, trifft uns ein scharfer Geruch. „Sprühlack", erklärt Sarah. Wir steigen die Treppe hoch, an einer großen Licht-Installation vorbei, die das Treppenhaus in Beschlag genommen hat. Im zweiten Stock: das Atelier.

Das Gebäude, in dem Sarah arbeitet, ist eine umfunktionierte Schule im fünften Bezirk – das Creative Cluster. Mehr als 150 Künstlerinnen und Künstler haben sich hier eingemietet, in ehemaligen Klassenzimmern, die heute als Ateliers dienen. Vorne erinnert nur noch die Tafel daran, dass hier früher Schülerinnen und Schüler saßen. Ein Goldschmied, der wenige Minuten zuvor schwitzend eine Gasflasche die Stufen hinaufgeschleppt hat, kommentiert: „Eigentlich richtig gut hier – solange man keine schlechten Erinnerungen an die eigene Schulzeit hat." Manche Toiletten wurden zu Tonstudios umgebaut, die Turnhalle dient als temporärer Ausstellungsraum für große Arbeiten. Auch Sarah will dort bald ausstellen.

Das Werk, an dem sie gerade arbeitet, besteht aus drei Leinwänden – jede davon 2,10 mal 3 Meter groß. Jede zeigt dieselbe Szene zu einer anderen Tageszeit. Die Dimensionen sind kein künstlerischer Zufall, sondern auch eine Frage der Buchführung: „Ich habe dafür das Start-Stipendium vom Bundesministerium für Kunst und Kultur erhalten", erzählt Sarah. „Die Leinwände mussten so groß sein – sonst hätte ich die Förderung nicht rechtfertigen können", ergänzt sie lachend. „Das wollte ich sowieso schon immer mal probieren."

Als ich Sarah ein paar Wochen später erneut im Atelier besuche, sind zwei der drei Bilder bereits fertig. An die Wand gelehnt kann ich sie nur von der Rückseite betrachten. Sarah zeigt uns stattdessen die Referenzbilder: In der Mitte ist ihre eigene Spiegelung zu erkennen, eingerahmt vom Wohnzimmer. Schemenhaft, halb versteckt hinter einem Kamerastativ und einem großen Objektiv – geteilt durch die Leiste eines Spiegelschranks. „Ich bin erst vor Kurzem nach Wien gezogen", sagt sie. Das Kunstwerk sei ein Versuch, diesen Prozess des Ankommens zu dokumentieren. Im Wohnzimmer ihrer Wohnung steht ein großer Spiegelschrank – sie hat den ganzen Raum darin fotografiert, zu verschiedenen Tageszeiten. „Tagsüber sieht man alle Details, in der Dämmerung oder früh morgens dominieren plötzlich Schemen und Schatten." Dieselbe Szene dreimal, alles spielt sich auf einer zweidimensionalen Spiegelwand ab.

Jonas und Sarah stellen schnell fest, dass sie beide an der Kunstuniversität in Linz studiert haben. Sie tauschen sich über Orte und Gebäude aus, ich höre zu. Linz kenne ich nur als blaues Bahnhofsschild aus dem Zugfenster



Die Sonne ist eine Lampe
Sarah schlägt den Innenhof vor. Wir nehmen Wasser statt Kaffee, setzen uns an einen Tisch mit halb zerfallenen Stühlen. Die letzten Sonnenstrahlen reflektieren in einer Fensterscheibe, es wird langsam kühl. Der Lackgeruch hängt noch immer in der Luft. Dann, plötzlich: laute Schläge. Bandprobe. Wir fangen an zu lachen.

Das Foto, das später das Magazin-Cover zieren soll, hat Sarah bereits 2020 aufgenommen. Während der Corona-Pandemie ist sie zuhause, geht über den Hof ihrer Eltern spazieren. Ihre Mutter longiert dort ein Pferd auf dem Sandplatz, alles liegt im Nebel. Sie fotografiert die Szene und vergisst sie fast wieder– das Bild wandert in einen Ordner auf ihrem iPad. Anfang des Jahres meldet sich Jonas bei ihr und erzählt von der Idee und dem Thema der neuen Ausgabe. Sarah muss sofort an dieses Bild denken.

„Was mich daran so interessiert hat: Es gibt Elemente im Bild, die man leicht verwechseln kann [...]. Was man im ersten Moment vielleicht als Sonne wahrnimmt, ist eigentlich eine große Lampe." Ich habe das Bild gesehen und mir genau das gedacht: Sonne, die den Nebel durchbricht. „Es ist eine Lampe über dem Sandplatz", erklärt Sarah. Und genau das beschäftige sie grundsätzlich: „Dass der Mensch seine Umgebung immer mehr selbst schafft, dass es manchmal austauschbar ist, ob es die Sonne ist oder eine Lampe."

Den Begriff Anthropozän kennt sie, muss sich – anders als ich – nicht erst einlesen. „Dieses Bild – der Mensch als das Maßgebliche unserer Zeit, der Mensch schafft sich seine eigene Epoche – das ist für mich ein total starkes Bild. […] Es war mir sofort klar, dass das eigentlich auch ein Begriff für meine Arbeit ist." Der Mensch und das menschliche Schaffen seien bei ihr immer schon ein Fokus gewesen, auch wenn sie es nicht immer unter diesem Begriff betrachtet habe. „Man ist irgendwie verbunden mit der Technologie. […] Der Mensch kann sich nur noch durch das erhalten, was er selbst gebaut hat. Wir sind die Technologie, man kann das nicht trennen."

Auf dem Cover ist die menschliche Figur kaum zu erkennen – der Zaun, das Pferd an der Leine, im aufsteigenden Nebel die Silhouette einer Gestalt. Ich frage, ob das eine bewusste Entscheidung sei, eher die Abwesenheit als die Präsenz zu zeigen. „Für mich muss eine Figur nicht immer im Fokus sein", sagt Sarah. „Ich glaube, dass Spuren oft viel mehr aussagen als ein großes Porträt. Man sieht in vielen meiner Szenen die Spuren einer Person, aber sie ist nicht dominant drauf. Diese Spuren vermitteln für mich eine stärkere Präsenz."

Begonnen hat es mit dem Handy, mit Szenen, die ihr im Alltag aufgefallen sind. „Das ist ganz natürlich gekommen, eigentlich zu Beginn der Covid-Zeit", erzählt sie. „Ich wollte mich mit diesem Schnappschussmoment auseinandersetzen: Was bewegt einen, dass man etwas fotografiert? Was möchte man teilen?" Von dort habe sich vieles von selbst erweitert – Spiegelungen, Reflexionen im Fenster, die Raumbrechung, die sie malerisch total spannend findet.

Mit der Zeit wurde ihr das Handy nicht mehr genug. „Ich wollte mich mehr mit Fotografie als Medium beschäftigen, mit allem, was technisch möglich ist. Also mit Optik, mit Bildaufbau. Aber ohne dabei die Rahmenbedingungen des Sujets zu verändern.” Die Frage, die sie dabei immer leitet: Was kann ich mit der Kamera als Werkzeug machen und wie übersetze ich das in der Malerei? Analog zu arbeiten habe sie kurz überlegt. Aber für ihre Sujets sei das Digitale einfach schlüssiger. Beim analogen Fotografieren könne man ohnehin schon fast malerisch arbeiten und dann male sie das Ganze noch einmal nach. „Irgendwann würde sich für mich die Frage nach der Redundanz stellen."

Besonders häufig tauchen in Sarahs Bildern Spiegel, Fenster und Glasscheiben auf. Flächen, die den Raum brechen, verdoppeln, verfremden. „Diese Brechung des Raums finde ich als Kontrast zu den heimeligeren Szenen total wichtig", erklärt sie. „Ich möchte nicht, dass die Bilder nur beruhigend oder romantisch wirken." Gerade das Thema Zuhause aus einer weiblichen Perspektive trage immer diesen inneren Dialog in sich: Es sei der Ort, an dem man sich geborgen fühle, aber man wolle sich auch davon distanzieren. „Ein Fenster, ein Spiegel – das macht diesen Kommentar irgendwie von selbst."

Und dann sei da noch diese Absurdität, die sie nicht loslässt: „Wir akzeptieren, dass eine Spiegelung keine echte Raumöffnung ist, aber im Bild muss ich es so rüberbringen. Das nochmal unter die Lupe zu nehmen – das interessiert mich total." Zu Beginn war das eine echte Herausforderung. Schaffe ich es, dass man erkennt, dass es nicht weitergeht, dass es wirklich eine Spiegelung ist und keine Fortsetzung des Raums? „Diese Halbtransparenz, dass man etwas sieht, aber gleichzeitig noch etwas drüber liegt – das finde ich malerisch sehr reizvoll."

Wann ein Bild fertig ist? „Das ergibt sich oft durch die Referenz. Das ist auch ein Grund, warum ich so gerne von einer Vorlage arbeite. Ich habe ein Ziel, ich laufe nicht Gefahr, das Bild ins Unendliche zu ziehen." Manchmal, sagt sie und lacht kurz, sei man aber auch einfach fertig, wenn man Tage, Wochen an etwas gearbeitet habe. „Dann reicht's irgendwann. Es ergibt sich so."

Die Erkenntnis, dass man Malerei und Fotografie nicht in einen Konflikt stellen muss, sondern dass man sie nebeneinander laufen lassen kann, habe sie befreit. „Was passiert eigentlich, wenn man etwas immer wieder kopiert? Oder wenn eine menschliche Hand versucht, etwas Digitales ins echte Leben zu holen? Es schleicht sich immer ein Störfaktor ein, es wird nie ganz exakt." Das findet sie zeitgemäß – in einer Zeit, in der alles duplizierbar ist.

Das Material, bemerkt sie, komme in Gesprächen über ihre Arbeit oft zu kurz. Sie arbeitet mit Öl und Aquarell, beschäftigt sich intensiv damit, wie sie eine bestimmte Farbe hinbekommt – ob es Überlagerungen sind, bestimmte Pigmente. „Wenn das Motiv einmal klar ist, kann ich mich […] ganz der Malerei widmen. Das ist dann mein eigentlicher Hauptfokus."



Andere Welten
Was sie antreibt, findet sie oft in Dingen, die auf den ersten Blick nichts mit ihrer Arbeit zu tun haben. Film, Literatur, Videospiele – vieles fließt ein, ohne dass es offensichtlich wäre. „Es muss nicht mal etwas sein, das ich gut finde. Mich interessiert oft einfach dieser Blick in eine andere Welt." Dieser Gedanke zieht sich auch durch ihre Auseinandersetzung mit dem digitalen Raum: dass man sich auf einem Monitor durch Räume bewegt, sich darin aufhält, die Grenzen zwischen physischem und virtuellem Raum verschwimmen. Zuletzt hat sie House of Leaves von Mark Z. Danielewski gelesen. „Das hat mich sehr im Zusammenhang mit diesem Thema des Unheimlichen und Heimlichen beschäftigt. Die neuen Bilder haben auch ein bisschen diesen Bezug."

Malerische Vorbilder zu nennen fällt ihr schwer. Johannes Vermeer mag sie sehr, gerade ist Vilhelm Hammershøi ein Favorit. Aber auf einzelne Namen will sie es nicht reduzieren. Was sie an zeitgenössischer Malerei interessiert, sei weniger ein Werk als eine Haltung: „Dass man nicht wie die alten Meister arbeitet, sondern aus der Intuition heraus, freier im Farbauftrag." Das Entscheidende komme oft von Dingen, die mit ihrer eigenen Arbeit überhaupt nichts zu tun hätten.

Jonas und ich zünden uns noch eine Zigarette an, Sarah lehnt ab. Wir leeren unsere Gläser, packen zusammen. Jonas und Sarah verabreden sich für die nächste Woche in Linz – er wird das Gemälde dort abholen. Sarah begleitet uns zur Tür.

Auf der Straße trennen sich unsere Wege, ich laufe Richtung Pilgrammgasse. Als ich um die Ecke biege, fährt mir der Bus vor der Nase weg. Ich bin, wie immer, zu spät.




Louis fichtenkamm TEXT

Luca WEllenzohn BILD