Social Media und der Diebstahl unserer Menschlichkeit
Fünf in der Früh; unter der Decke ist’s schön warm, und draußen nicht, aber trotzdem kämpfen wir uns raus. Ganz dunkel ist es, nur unsere Stirnlampen schmeißen flackernde Kreise auf den staubigen Erdboden vor uns. Einen Kaffee bestellen wir noch, das geht sich grad so aus, mit dem spülen wir eine eilige Wuzltschick runter. Danach: Auf geht’s!
Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug kämpfen wir uns eine Steinstufe nach der anderen hoch. Neben uns schweben gemächlich schwarze Silhouetten vorbei, die langsam zu dunkelgrünen Blättern und pinken Blüten werden. Während wir unsere Frühstückstschick bereuen, fließt immer mehr Farbe in die Welt, zuerst ist alles grau, bald blinzelt ein schüchternes Blau aus dem dicken Schwarz, und als langsam gelbe Tinte im Horizont zu zerlaufen beginnt, beeilen wir uns.
Wir kommen am Gipfel an, schwer keuchend aber zufrieden. Gerade rechtzeitig: Ein tiefes Orange strahlt vom Horizont, zwischen ihm liegen einige der mächtigsten Berge der Welt. Ihre Konturen scharf gezeichnet, schauen ihre spitzen Gipfel aus einem dunkelgoldenen Schleier hervor - über ihnen nur Wolken, die so leuchten, als wär in ihnen ein Teil der Sonne selbst. Vor diesem Schauspiel versteh ich plötzlich, warum so viele dieser Gipfel nach Gottheiten benannt sind; da greif ich in meinen Rucksack, und hol die Kamera raus, die ich so mühsam den Berg raufgeschleppt hab. Ich überleg mir einen netten Frame, mach ein Foto, und da schießt mir ein Gedanke durch den Kopf: Das schaut auf Insta fix ur cool aus!
In der grauen Anfangszeit des Internets wurde uns versprochen, dass es unsere Freiheit für immer zu einem unvorstellbaren Ausmaß erweitern würde; dass wir so verbunden sein würden, wie niemals zuvor. Heutzutage fragt sich wohl ein großer Teil unserer Generation, was absurder war: diese Behauptungen, oder dass wir sie tatsächlich einmal geglaubt haben? Wie Byung-Chul Han, auf dessen Arbeiten ein Großteil dieses Artikels basiert, glaube ich jedenfalls, dass Social Media – und damit meine ich in diesem Kontext nicht etwa WhatsApp oder Messenger, sondern viel mehr Instagram, TikTok, und X – uns in den 2020ern viel mehr Freiheit nehmen, als sie uns geben.
Nein, Social Media bestraft uns nicht, wenn wir nicht brav wöchentlich posten; Mark Zuckerberg kann uns in keinen Kerker werfen, wenn unsere Screentime zu niedrig ist. Das heißt aber keineswegs, dass Social Media keine Kontrolle über uns hat. Negative Macht, also jene, die aktiv unsere Freiheit einschränkt, ist zwar die direkteste Form von Einflussnahme, was aber nicht bedeutet, dass sie die stärkste oder überhaupt die einzige Art der Macht ist. Wir werden nicht gezwungen, weite, lange Reisen durch unsere Timeline zu unternehmen; nicht bestraft, wenn wir das nicht tun. Die meisten von uns machen’s trotzdem gelegentlich, nicht, weil irgendwer das gegen unseren Willen durchsetzt, sondern weil Dopamin, Likes und die Illusion unendlicher Möglichkeiten unseren Willen in die richtigen Bahnen lenken. Die Kontrolle, die von Social Media ausgeht, ist unsichtbar, und sie bleibt oft unhinterfragt; davon geht ihre immense Kraft aus. Die positive Macht von Social Media macht uns abhängig.
In anderen Worten bedeutet das: Social Media beutet die Freiheit selbst aus. Wir suchen uns aus, an ihnen teilzunehmen; nicht aus unserem Besitz wird Profit generiert; sondern aus unserer Zeit, unserer Aufmerksamkeit, und unseren Emotionen. Jeremy Bentham hat im 18. Jahrhundert das Panoptikum erfunden, ein Gefängnis, in dem der Wärter zwar immer alle Insassen beobachten könnte, diese aber nicht ihn – so müssten sie immer davon ausgehen, gerade überwacht zu werden, und sich dementsprechend verhalten. Im 21. Jahrhundert gibt es ein digitales Panoptikum; was wir fühlen, was wir denken, was wir uns wünschen, geben wir dem Algorithmus preis. Wir befinden uns in einem Zustand des Überwachtwerdens, der sich wie Freiheit anfühlt. Dieses Panoptikum unterscheidet sich in zwei Aspekten von Benthams: Wir haben uns freiwillig hineinbegeben, wurden hineingelockt; und es beobachtet nicht nur unser Verhalten, sondern auch unseren Geist.
Das ist der zentrale Punkt, den wir verstehen müssen, wenn wir über Social Media reden: Sie sind kein Spielplatz, keine gemeinnützigen, öffentlichen Orte; sondern konkret profitorientierte Geschäftsmodelle. Überwachung auf Social Media bedeutet nicht, dass jemand vor einem großen Bildschirm sitzt, unseren Suchverlauf durchstöbert und reflektiert, welchen Meme wir wohl besonders lustig fanden; sie bedeutet, dass Algorithmen mathematisch auswerten, wie man uns am besten manipulieren kann – in Kaufentscheidungen, vor Wahlen, und damit wir noch mehr Zeit in Sozialen Netzwerken verbringen. Social Media stiehlt uns langsam, Schritt für Schritt, unseren freien Willen.
Also: Social Media kontrolliert uns, hat Macht über uns, ist in unseren Köpfen. Was mich aber wirklich endgültig dazu inspiriert hat, mich zumindest in nächster Zukunft von Instagram & Co zu verabschieden, ist, wie sehr es limitiert hat, wie ich unsere gemeinsame Menschlichkeit wahrnehme. Egal wie ehrlich wir versuchen zu sein, unsere Feeds sind kuriert; wir teilen die Momente, die wir schön, interessant und ästhethisch finden. Nicht aber jene, die enttäuschend, langweilig und grau waren – logischerweise! Und obwohl das natürlich immer klar war, habe ich es doch oft vergessen. Ein cooles Profil gesehen, und mich gefragt, warum mein Leben eigentlich nicht so spannend ist; ein gutes Gedicht gelesen, und mich gefragt, ob meine Schreiberei überhaupt Sinn macht; und letztendlich selber sorgfältig eine Version von mir kuriert, die es so gar nicht gibt.
Ja, die Gefahr, die von Social Media ausgeht, kommt daher, dass wir sie nicht verwenden müssen - dass ihre Macht dadurch so unsichtbar wird. Aber das ist auch unsere große Möglichkeit: Wir müssen nicht mitspielen. Wir können uns gegen hohle digitale Bewunderung entscheiden und dafür, zu versuchen, die Menschen um uns herum ehrlich zu sehen, zu versuchen, sie zu verstehen, ihnen zuzuhören. Ich persönlich weigere mich in Zukunft jedenfalls, Menschen als einen Haufen Pixel und eine halbironische Caption zu sehen. Wir sind atmende, blühende, wachsende Wesen mit komischen kleinen Eigenheiten und großen, weiten Träumen und wir fürchten uns alle vor irgendwas. Social Media hat mir viel zu lange die Fähigkeit genommen, das wirklich zu spüren. Ehrlich gesagt, hat es auch einfach aufgehört, mir wichtig zu sein, ob du meine Wanderung aesthetic findest; aber wenn du magst, erzähl ich dir gerne davon, wie sie war.