Und wenn es eigentlich keine Einsamkeit ist?
Auf Tik-Tok und im Arthouse-Kino, in den Feuilletons und der Politik, Bücher darüber füllen die Bestsellerlisten und selbst auf den großen Werbebildschirmen wird über sie aufgeklärt. Einsamkeit ist überall. Immer mehr Kampagnen werden gestartet, Hashtags gesetzt, Beiträge geteilt. Und trotzdem wächst die Einsamkeit in Deutschland munter weiter. Warum eigentlich? Liegt es an der Weltlage? An schlechter Umsetzung eigentlich gut gemeinter Maßnahmen? Vielleicht. Ich glaube aber auch: Das Problem sitzt im Begriff und in der Debatte selbst.
Überall und immerwo, die Einsamkeit
Um der Sache auf den Grund zu gehen, lohnt ein erster Blick in die Forschung. Und die – wie will man anders meinen – hat natürlich wieder ein klares Bild: Einsamkeit ist das Gefühl, das entsteht, wenn Wünsche und Sehnsüchte nach sozialen Beziehungen und die tatsächlich vorhandenen auseinanderklaffen. Klingt nach Aufstehen, Krone richten, Weitermachen. Antizipiert eine leichte Lösbarkeit. Einfach die richtigen Menschen ins Leben lassen, die falschen raus – nur noch die, die einen wirklich sehen, wirklich kennen. Also dann, Problem gelöst. Aufgestanden, Krone gerichtet und weitergemacht. Klingt gut. Aber was, wenn man sich danach immer noch einsam fühlt? Und man leise merkt, dass man sich auch bei den richtigen Menschen, bei den Tollsten der Tollsten einsam fühlen kann. Die Corona-Pandemie hat genau das gezeigt. Obwohl die Kontaktverbote behoben wurden und man wieder Zeit mit seinen Liebsten verbringen durfte, wuchs die Einsamkeit weiter. Dr. Sabine Diabaté, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Bevölkerungsforschung warnte vor einer “Tendenz der Chronifizierung” – trotz des Endes der Pandemie, und auch trotz all der medialen Aufmerksamkeit.
So ist die Sache mit der Einsamkeit mittlerweile auch eine, die neben Narzissmus zum großen Ding der Mental-Health-Insta-Bubble avanciert ist. Und weil Social Media das so an sich hat, werden große Fragen meist in einfache (und scheinbare) Lösungen gequetscht. Plump steht sie da. Auf einem flachen Bildschirm eine noch flachere Antwort. An Problemen wird gekratzt, wie an einer Wunde, die schon lange wund ist. Zur Lösung beitragen tut Social Media jedoch so gut wie nie. Dabei ist gerade die Einsamkeit ein Thema mit einer unglaublich unheimlichen Tiefe. Denn manchmal ist nicht der Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit sozialer Beziehungen das Problem, sondern die Sehnsüchte, die Bedürfnisse selbst und woher diese kommen. Das Dahinter. Und da sind wir dann nämlich schon meilenweit tiefer als jeder Handy-Bildschirm.
Wenn Sprache eigentlich verfehlt
Kommunikation und Sprache schaffe Gesellschaft, meinte schon der Soziologe Niklas Luhmann. Das stimmt, aber manchmal blendet sie genau das aus, was sie zu beleuchten vorgibt – und am Ende steht man da und weiß weniger als vorher, obwohl alles gesagt wurde. Eben wie beim Wort Liebe. Denn was genau gemeint ist, wenn wir sagen, dass wir jemanden lieben, wissen wir nicht. Wie man seine Liebe lebt, was sie bedeutet, wie sie sich anfühlt, all das verschweigt der Begriff. Obwohl das Wort Liebe also Dreh- und Angelpunkt unser aller Leben ist, verbirgt das Wort auch immer etwas.
Ich hoffe es wird deutlich: Sprache zeigt immer nur die Spitze des Eisberges, die Spitze der Wirklichkeit, aber nie die ganze Wirklichkeit, den ganzen Eisberg. Ludwig Wittgenstein, der wichtigste Sprachphilosoph des 20. Jahrhunderts, beschrieb das ziemlich passend: “Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit.”
Das hat Sprache so an sich, sie schafft ein System, das uns Orientierung gibt, aber eben nicht Klarheit. Vor allem dann nicht, wenn es sich um ein Gefühl handelt, das sich so sehr wie ein mentaler Boxkampf anfühlt, wie Einsamkeit. Es braucht mehr Tiefe und mehr Dreidimensionalität. Denn statt in die Vergangenheit oder nach unten in unbewusste Gewässer der Psyche zu schauen, geht es immer nur um ein Hier und Jetzt, aber nie um ein Dahinter oder Davor. Einsamkeit wird so zu genau der angesprochenen Spitze eines Eisberges, die mehr verbirgt, als zeigt. Sie klingt wie Schmerz, der heute Morgen beim Frühstück entstanden ist. Aber was, wenn das Gefühl in manchen Fällen mehr mit der Vergangenheit zu tun hat als mit der Gegenwart? Wenn Einsamkeit ein in die Gegenwart pieksender Rest Kindheit ist – und sich durch eine zweidimensionale Begriffsdiagnose gar nicht erfassen lässt?
Das immerwährende Gerede über Einsamkeit sollte fragen, was denn Erfahrungen oder Gefühle sind, die jede*r für sich durchmacht und die gleichzeitig viele teilen. Es braucht mehr Austausch, um das innere Heckmeck dieses Gefühls zu begreifen, gerade weil Einsamkeit kein kleines Problemchen bei ein paar wenigen ist, sondern ein strukturelles, expandierendes, gesellschaftlichen Dilemma. Diese Strukturen zu beleuchten – von Erziehung, Jugend usw. – und genau in diesem Austausch eine emotionale Tiefe zu ermöglichen – das braucht es. Einsamkeit sollte als Sammelsurium an Gefühlen begriffen werden, individuellen und kollektiven, gegenwärtigen und vergangenen, und genau über diese Facetten muss gesprochen werden.
Alleingelassenwerden
Denn Tiefe ist dem Begriff der Einsamkeit immanent, dem Diskurs über sie aber scheinbar egal. Politisch und gesellschaftlich wird Tiefe beim Reden über Einsamkeit häufig vermieden. Es wird vor einem fiktiven Stopp-Schild Halt gemacht, als ob es darum ginge, dieses Problem so schnell wie möglich loszuwerden, bloß nicht zu weit gehen, sonst wirds noch kompliziert und ,zu deep’. Eine Politik, die dann verwirrt durch die Gesellschaft starrt und sich fragt, wieso Einsamkeit immer noch boomende Konjunktur erlebt, ist dabei alles andere als verwundernd. Tiefe zu vermeiden und jene dadurch von vornherein zu negieren führt schließlich zu weniger fruchtbaren und mehr fehlleitendem Diskurs. Natürlich ist es wichtig über physische Einsamkeit zu reden, darüber, wenn Menschen wirklich allein sind, wie viele ältere Personen oder Menschen ohne Partnerschaft, aber sich nur auf diese Seite des Begriffs zu schlagen, und die Tiefe dabei auszulassen, lässt beides nur noch schlimmer werden.
Und daher braucht es Begriffe, die jene Zustände zu greifen wissen, Begriffe, die in eine Richtung schauen, vor der man selbst vielleicht Angst hat. In Gesprächen mit meinen Freund*innen ploppte ein solches Wort auf. Statt Einsamkeit in sich selbst verharren zu lassen öffnet dieser Begriff sie. So gehöre ein Gefühl von Alleingelassenwerden auch immer dazu, sagte mir eine Freundin. Als ich dann anderen davon erzählte, öffneten manche die Augen oder schwiegen lange. Aber letztlich scheint Einsamkeit immer auch mit dem Gefühl von Alleingelassenwerden verbunden zu sein. “Als ob ich als Kind in Angst darauf warte, dass meine Eltern mich vom Kindergarten abholen”, meinte ein Freund zu mir. Dieses nagende Warten, das auch immer Angst ausgelöst hat – das kennt man. Und man kann es trotzdem niemandem sagen. Zu Freund*innen gehen und sagen: ”Ihr lasst mich allein”, weil sie an einem Dienstag keine Zeit haben, wäre absurd. Das Über-Ich, die ratio weiß das. Aber allein gelassen zu werden, ist häufig das, was wir fühlen – und das, was wir fürchten. Ein Wochenende ohne Termine wird so zu einem Wochenende der Angst.
Ausgerechnet Thomas Mann beschrieb das Gefühl mal perfekt: Die Einsamkeit bringe das Original in uns hervor – aber auch das Gegenteil: das Perverse, das Illegale, das Absurde.
Einsamkeit hat also immer etwas Garstiges, das sich schwer greifen lässt, und über das noch weniger gerne geredet wird. Erfahrungen und Gefühle, die in einer oft längst vergangenen Kindheit liegen, sind schwer, mal eben so verstanden zu werden. Schneller als einem lieb ist, wird man so wieder zu dem Kind, das nicht abgeholt wurde. Egal, ob man 21, 38 oder 67 ist. Ohne zu wissen, fühlt man Gefühle, die nichts mit der Gegenwart zu tun haben. Alleingelassenwerden meint dabei mehr nur als einen vergessenen Kindergartennachmittag. Es meint alle Erfahrungen der Ablehnung, des Nicht-Gesehen-Werdens. Das Gefühl, nicht als Selbst wertgeschätzt zu werden. Nicht sicher zu sein. Denn schneller als man denkt und vor allem: als man will, wird dieses Gefühl zum ewigen Begleiter.
Wenn in See stechen nicht geht.
Die Populärpsychologie propagiert seit Neuestem immer mehr das Bild des sicheren Hafens: Eltern als sicherer Hafen, von dem aus Kinder die Welt erkunden können – geborgen, gestärkt, neugierig. Man wird versorgt, aufgehoben, auf das große weite Meer des Erwachsenwerdens vorbereitet. Schönes Bild. Fühlt sich gut an. Viele jedoch hatten diesen Hafen nicht. Und
viele wurden alleingelassen – emotional, in ihrer Sexualität, in ihrem persönlichen Ausdruck. Manchmal auch einfach, weil Eltern überfordert oder abwesend waren.
Oft schleicht sich dann dieses Gefühl ein, diese diffuse Angst. Und plötzlich kann man dann eben nicht sicher in die weite See des Erwachsenseins stechen. Der Grund: Ein Kind, das allein gelassen wird, bekommt Angst. Es ist nur leider nicht einfach nur Angst, sondern eine Angst, die in diesem Moment alles auszumachen scheint. Bei Kindern hat das nichts mit Empfindlichkeit zu tun, sondern mit der Rolle von Bindung in diesem Alter. Bindung ist für ein Kind keine romantische Idee, sondern eine Überlebensfrage. Man sieht es bei Tieren überdeutlich: ein Küken, das aus dem Nest fällt, hat schlechte Karten. Menschen sind da nicht so verschieden. Deshalb brennt sich dieses Gefühl so ein. Man wächst auf, trägt es mit – und nochmal alleingelassen zu werden, fühlt sich dann wie eine echte Bedrohung an und macht Angst.
Nicht das schon wieder
Und dann passiert das Naheliegendste: Man projiziert. Das Alleingelassenwerdenaus alten Bindungen klebt als Angst an den neuen. Eine Angst, die gerechtfertigt war, ploppt einfach so in anderen Beziehungen auf. Ohne Grund. Und dann sitzt da noch irgendwo der Wunsch, dass jemand nachholt, was die Eltern versäumt haben – nicht im Bewusstsein, aber oftmals tief im Inneren, eher als stilles, hartnäckiges Hoffen. Die Psychoanalyse nach Melanie Klein hat dafür Termini gefunden: Eine Regression in ein kindliches Stadium, eine Übertragungsreaktion auf ein früheres Bindungsdefizit. Die Krux: In diesem Moment geben wir anderen Verantwortung über unser kindliches Leiden. Überspitzt gesagt rutscht der eine Freund, den man in den letzten Monaten kennengelernt hat, den man in sein Herz geschlossen hat, in eine elterliche Position. Und soll das nachholen, was leider leider viel zu vielen Eltern nicht gelingt. Dem Kind ein Gefühl zu geben, sich gehalten zu fühlen. Dabei passiert jedoch etwas, das jetzt, im Erwachsensein nicht tragbar ist. Denn Freund*innen können nichts mehr an unserer Kindheit ändern, die Vergangenheit lässt sich nicht mehr ändern, sie ist – wie man so sagt – in Stein gemeißelt. Was nicht heißt, dass Freund*innenschaften nichts können. Sie können sehr viel, nur eben nicht das. Sie können das Kapitel nicht umschreiben, das schon längst gedruckt ist – sie können höchstens weiterschreiben. Was auch schön ist. Nur eben etwas anderes.
Aber auch wenn dieser Prozess, die sogenannte Übertragung, meist unbewusst bleibt, wir ihn kaum wahrnehmen in der Bindung, hat er doch oft einen Einfluss. Eltern – das ist nun mal leider so – versäumen, oft auch wegen eigener früher Bindungsdefizite. Und das muss man akzeptieren. Sonst ist man sein Leben lang auf der Suche nach einem Gefühl, das nicht mehr gefunden werden kann – um immer und immer wieder enttäuscht zu werden. Denn wenn wir anderen Verantwortungen geben, die für niemanden tragbar sind, in anderen etwas suchen, das sich in niemandem wirklich finden lässt, uns durch andere etwas erhoffen, das nur enttäuscht werden kann, dann verliert man mehr, als das Unbewusste vielleicht hofft, zu finden – und nehmen dabei nie die Chance wahr, sich auch selbst das Verpasste geben zu können.
Das Grausamste an diesem Gefühl ist: Man ist immer allein damit. Irgendwie fehlen einem auch die Worte für das Gefühl. Als Kind haben sie einem ja schließlich auch gefehlt. Deshalb fühlt man sich mit dem Alleingelassenwerden oft allein. Das Gefühl dreht sich im Kreis, verstärkt sich selbst, als würden Alleinsein und Alleingelassenwerdenmiteinander Tischtennis spielen und man selbst wäre der Ball oder als ob irgendwo ein hämisches Monster auf der Schulter sitzt, das einem im Duktus von Was-könnte-passieren Ängste ins Ohr plappert.
Solange wir das alles nur Einsamkeit nennen, schauen wir an dem, was eigentlich weh tut, vorbei. Der Begriff stellt die falschen Fragen. Er fragt nach der Gegenwart, nach der Lücke, nach dem Abhilfemittel. Aber er fragt nicht: Woher kommt dieses Gefühl? Wann hat es angefangen? Und mit wem? Denn das Gefühl ist ja real, aber sein Ursprung liegt nicht immer dort, wo es sich zu befinden scheint. Oft liegt es früher, tiefer. Nicht unbedingt im Jetzt, sondern in der Vergangenheit. Wohltuende Beziehungen sind immer der beste Nährboden, um sich damit auseinanderzusetzen. Was es aber vor allem braucht, ist das Zeitnehmen, das Nachdenken, das Einfühlen in diese Probleme. Denn niemand kann nachholen, was früh versäumt wurde. Oft ist das eine Wunde, die man von innen schließen muss. Nicht bei allen, aber bei vielen. Akzeptiert man das und macht weiter, mit tollen Menschen und in wohltuenden Beziehungen, wird man merken, dass sich dieses Wollknäuel mit zu vielen zu engen Knoten langsam doch entknoten lässt. Sodass man am Ende den Faden des eigenen Lebens vor sich hat, einen Faden, der verstehen – und nicht mehr verzweifeln – lässt.