NR. 03 / ANTHROPOZÄN / OUT 26.06.26

Was bleibt?  


Eine schlechte Rezension über eine Kupferlieferung, Handabdrücke an Höhlenwänden, Graffiti auf Latein – Eindrücke und Überbleibsel vergangener Zeiten, die aufzeigen, dass wir uns gar nicht so sehr verändert haben, wie man meinen möchte.

Während Ea-nāṣir, der Großhändler aus Mesopotamien, sich vielleicht gewünscht hätte, seine „Legacy“ wäre eine andere, so zeigen die Höhlenmalereien und Inschriften wie „Lucius pinxit“ („Lucius schrieb das“), die in Pompeij gefunden wurden, dass der Wunsch, unsere eigene Lebenszeit zu überdauern, die Menschheit seit jeher begleitet. Dieser Wunsch ließ Statuen errichten, Porträts malen und Mausoleen erbauen - doch das meiste, was so überdauerte, entstand vor unserer Zeit. Eine museale Fetischisierung des Alten findet hier in jedem Fall statt, aber was ist mit den Sachen, die es nie ins Museum schaffen? Oder noch zu neu sind? Unzähliges geistert mittlerweile im Internet umher und wenn ich mir eines aus der Schule gemerkt habe, dann dass es sehr schwer bis unmöglich ist, das, was man da über die Jahre so hochlädt wieder restlos zu löschen.

1977 schoss die NASA die Voyager Golden Records ins Weltall – zwei Datenplatten, auf denen sich 115 Bilder, Tonaufnahmen von Naturphänomenen wie Donner oder Vogelgezwitscher, Musik, Begrüßungen auf 55 Sprachen und natürlich eine (nicht ganz korrekte) Wegbeschreibung zu unserem Sonnensystem, sowie eine bildliche Anleitung, wie diese phonographischen Platten denn überhaupt abzuspielen sind, befinden. Kurios finde ich zudem, dass sie wissenschaftliche Abbildungen unter anderem zur menschlichen Reproduktion ebenfalls auf diese Datenträger gepackt haben. ❶ Worin besteht da die Relevanz? Naja, jetzt ist es eh schon egal, die bekommen wir so oder so nicht wieder. 

1990 haben diese vergoldeten Kupferplatten nämlich unser Sonnensystem verlassen und befinden sich nun auf einer langen Reise – geschätzte 500 Millionen Jahre sollen sie überdauern und die Hoffnung wäre, dass sie irgendwann von einer anderen, ähnlich intelligenten Lebensform gefunden und verstanden werden. 

Süß ist es ja schon, wie wir so ins Weltall hinausschreien; ein Versuch, nicht mit dem Ende unseres Zeitalters in komplette Vergessenheit zu geraten. Ein Wunsch, der ganze Religionen schuf und Kriege anzettelte – aber das ist wieder ein anderes Thema.

Blicken wir in die Gegenwart, wird schnell klar, dass sich da wenig geändert hat. Ein markanter Unterschied? Vieles findet mittlerweile im digitalen Raum und online statt und während ich mich da zugegebenermaßen nur begrenzt auskenne, glaube ich schon, dass sehr wenig von dem, was in diesem Raum passiert, bestehen bleibt – verglichen beispielsweise mit einer beschriebenen Tonplatte oder Steinstatuen.

Da man das Internet so aber leider (vielleicht auch Gott sei Dank) nicht physisch manifestieren kann, wird vermutlich auch einiges an kontemporärer (Jugend-)Kultur verloren gehen, sobald der Zugriff auf das, was wir heute als Internet verstehen, nicht mehr möglich ist.

Ob das so schlimm ist, weiß ich allerdings nicht. Ich würde momentan alles geben, um beispielsweise die „Manosphere“ aus unserer kollektiven Erinnerung zu tilgen. Dank einem guten Freund [Shoutout an den Magazingründer] spült mir mein Algorithmus auf den sozialen Medien in letzter Zeit immer mehr Content von sogenannten „Looksmaxxern“ in den Feed. 

So wie ich das verstanden habe, handelt es sich dabei um sehr unsichere junge Männer, die ihren Wert als Mensch daran festmachen, wie attraktiv sie sind; wobei die Parameter zu großen Teilen ihren Ursprung in der Eugenik finden – ihr wisst schon, die „Rassenhygiene“ der Nationalsozialisten. 

Es kommt also nicht sonderlich überraschend, dass der Content dieser „Looksmaxxer“ überwiegend in rechten Bubbles Anklang findet – insbesondere bei den sogenannten „Incels“ („involuntary celibate“, zu deutsch: unfreiwillig enthaltsam). Denn dort, in der „Incelsphere“ nahm dieses „Looksmaxxing“ auch seine Anfänge.

Versprochen wird ihnen Selbstoptimierung – auf einem Forum beraten sich Looksmaxxing-Begeisterte gegenseitig, erstellen Beginner-Guides und bewerten einander nach den Richtlinien der sogenannten PSL-Skala. PSL scheint hier für „PUAHate, SlutHate, and Lookism”, also die Namen einiger der Foren, in der diese Community ihre Anfänge nahm, zu stehen.

Differenziert wird allgemein zwischen sogenanntem „Softmaxxing“, also harmloseren Ausläufern der Praxis wie beispielsweise regelmäßiges Duschen und Zähneputzen sowie das Investieren in Deodorant, und „Hardmaxxing“, eine extremere Variante, bei der auch schnell einmal mit Steroiden, verschreibungspflichtigen Medikamenten oder wie im Falle des Kick-Streamers Clavicular auch gerne mit Crystal Meth, Koks und Ketamin nachgeholfen wird. Clavicular spielt auch mit seiner Onlinepräsenz eine große Rolle dabei, diese Subkultur in den Mainstream und auch in meine Wahrnehmung zu rücken – weshalb er mir schon grundsätzlich unsympathisch ist.

Es handelt sich dabei um einen 2005 geborenen Typen namens Braden, der mit 14 bereits begann Steroide zu nutzen, weil er seine Probleme, die er meiner Auffassung nach, aufgrund seines durchaus unterirdisch schlechten Charakters durchmachte, auf sein Aussehen zurückführte. Da ihm das rigide Bewertungssystem, das in Looksmaxxingkreisen auf alle möglichen Menschen – ob Teil der Community oder Promis, die nichts damit zu tun haben – angewendet wird, so gut gefiel, beschloss er das zu seiner ganzen Persönlichkeit zu machen. Er strebt an, die beste Version seines Selbst zu werden, wobei das für ihn bedeutet bis an seine Grenzen zu gehen, um an die Spitze der Bewertungsskala zu gelangen; und wenn er dabei über Leichen geht. In den Mainstream schaffte dieser es nämlich, als er in einem Livestream jemanden in seinem Cyber Truck anfuhr. Jüngst erschoss er erst einen Alligator, wobei sich mir auch hier die Frage stellt, worin da der Nutzen bestand.

Es scheint ja zu funktionieren – einige nähern sich damit dem „Normschönen“, festgemacht an Symmetrie und Gesichtsharmonie; entfernen sich damit aber von dem Ziel, dem unfreiwilligen Zölibat zu entkommen, da sie sich einer rechtsextremen, rassistischen und frauenfeindlichen Rhetorik bedienen, die dann wiederum doch nicht so gut anzukommen scheint.

Wobei man Leuten in dieser Strömung auch einräumen muss, dass sie Probleme in unserer Gesellschaft durchaus richtig identifizieren können; Lookism und Pretty Privilege sind keinesfalls neue Probleme. Woran es dann schließlich scheitert, ist die Schlussfolgerung: Nicht das System ist schuld, ich bin einfach noch zu hässlich.

Beunruhigend dabei finde ich, wie viel Anklang diese Gedankenströme mittlerweile finden. Den gesamten Wert einer Person an ihrem Aussehen festzumachen, klingt ja schon grundsätzlich nach keiner guten Idee; gibt sogar Sprichwörter dazu „ein Buch nicht nach dem Einband beurteilen“ oder so ähnlich, wage ich mich zu erinnern. 

Dass man auf Plattformen, die auf Kurzform-Content ausgelegt sind, schnelle Urteile fällt, ist auch nicht verwunderlich. Zum Problem wird das Ganze dann, wenn diese Art der Interaktion die menschliche Nähe gänzlich ersetzt. Dann bekommen wir 13-Jährige, die der Meinung sind, dass Menschen, die von der Norm abweichen, inhärent weniger wert sind. Dieses Denken begleitet Faschisten seit jeher: Alles, was anders ist, ist schlecht. Eine Form der Gesellschaftskontrolle, ein Überbleibsel, das schon längst begraben sein sollte. 

Womit wir wieder bei des Pudels Kern angelangt wären – auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: diese verdammten sozialen Medien. 

In immer mehr Ländern wird nun über ein Mindestalter in den sozialen Medien diskutiert; seit 2025, beispielsweise, muss man in Australien 16 Jahre alt sein, bevor man sich ein Konto erstellen kann. Als jemand, der seit seinem 11. oder 12. Lebensjahr auf Instagram herumgeistert, kann ich das nur unterstützen. Ich bin leider schon viel zu tief in meiner Sucht und alle Versuche, diese eine App des Meta-Konzerns, den man guten Gewissens eigentlich wirklich nicht mehr unterstützen kann, sind bisher aufgrund von FOMO kläglich gescheitert.

Wobei ich auch einräumen muss, dass sich diese Apps und Algorithmen darauf spezialisiert haben, möglichst viel von unserer Aufmerksamkeit zu beanspruchen. Ich applaudiere daher allen, die es aus den Krallen der sozialen Medien geschafft haben und wünsche allen, die nachkommen, sich nie in dieser Lage wiederzufinden. Denn das, was wirklich bleibt, sind Erinnerungen, die zu Erzählungen werden – und die entstehen nicht mit dem Bildschirm vor der Nase und sind auch nicht davon abhängig, wie schön dich irgendein Neo-Nazi finden würde.



❶ https://science.nasa.gov/mission/voyager/golden-record-contents/


Theodor Herbst TEXT


Martha Weiß († 26.01.2024 – SAMMLUNG JONAS TÖPFL)

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