NR. 03 / ANTHROPOZÄN / OUT 26.06.26

Zwischen Wellen und Gedanken  


Auszug aus meinem Notizbuch:
„Wer bist du ohne die ganzen Geräusche um dich? Ohne Autolärm, Apps, Podcasts, Musik, Filme, Melodien, Serien, Gespräche? Wer bist du, ohne Ablenkung, Berieselung, Verwässerung?“


Vergangenen Sommer habe ich eine lange Wanderung unternommen. Ich bin am Tag fünf bis sechs Stunden gelaufen – am Meer entlang, Berge hoch, durch Wälder, Städte, kleine Örtchen in Portugal und dem spanischen Festland. Jeden Tag habe ich den Sonnenaufgang und den Sonnenuntergang gesehen, salzige Luft eingeatmet, einen Fuß vor den anderen gesetzt. Dabei habe ich gehört: die Wellen, Möwen, das Rascheln der Blätter, Wind in den Ohren, meine Wanderschuhe auf Holzplanken, Kies, Sand, Teer, Backstein oder Asphalt. Stille, zumindest fast. Meine Kopfhörer blieben im Rucksack, die ganzen 15 Tage lang. Ich hatte Respekt vor diesem Vorhaben, wusste nicht, was mich erwartet, ohne Ablenkung und Gedankenverwässerung. Ich weiß aber auch nicht, wovor ich wirklich Angst hatte. Ohne Geräusche von Social Media, ohne Benachrichtigungen, die mich mit miniaturhaften Dringlichkeiten belagern, ohne Meinungen in Podcasts oder Ohrwürmern aus Playlists fand ich Frieden – und eine lang gesuchte Entschleunigung der Gedanken. Nicht mehr rasend, planend, abgelenkt, stattdessen geerdet, fokussiert, ruhig. An einem Nachmittag, irgendwo zwischen Meer und Pinien, blieb ich einfach stehen. Kein Mensch, kein Geräusch, nur Wind. Ich merkte, wie ich plötzlich tief durchatmete, ohne es bewusst zu wollen. Es war, als hätte sich etwas in mir gelockert, sich etwas entspannt, von dem ich gar nicht wusste, dass es existiert.

Ich merkte, wie ungewohnt es ist, mit meinen eigenen Gedanken allein zu sein. Kein Ablenkungsmanöver, kein sofortiges Wegschieben. Stattdessen tauchte auf, was sonst im Hintergrund leise vor sich hin brummt: eine Sorge, ein Wunsch, eine Erinnerung. Zu Beginn war das ungewohnt, gepaart mit der Anstrengung der Wanderung aber gerade zu kathartisch. Am Anfang fühlte sich die Stille körperlich fast drängend an, als würde sie näher rücken. Später war sie wie ein weites Feld, auf dem sich meine Gedanken verteilen konnten.

Am ersten Tag zurück war die Stadt plötzlich sehr laut. Stimmen, Motoren, Klingeln, Musik aus offenen Fenstern. Erst da merkte ich, wie sehr ich mich an das andere Tempo gewöhnt hatte. Alles prallte auf mich ein, zu schnell, zu viel. Ich wollte den Lautstärkeregler herunterdrehen.

„Die Minuten ziehen sich wieder, nicht vorgespult und übersprungen, sondern das Leben entschleunigt – die Zeit fließt wieder, statt zu rennen. Die Minuten, Sekunden haben wieder Wert, nicht nur die Stunden und Tage, die gehetzt an mir vorbei rasen.“


Zurück im Alltag frage ich mich: Warum ist es so schwer, dort Stille auszuhalten? Warum brauche ich eine Wanderung, um zu spüren, wie wohltuend sie sein kann? Wieso haben wir uns angewöhnt, dauernd beschallt zu werden – und warum ist das der „einfache Weg“? Kaum war ich zurück, dachte ich: Das behalte ich jetzt bei. Mehr Stille, weniger Ablenkung. Die Versuchung ist groß, jede Lücke sofort zu füllen: mit einer Sprachnachricht, einem Scroll, einer Playlist. Kaum ein Moment, in dem nicht Geräusche und Bilder auf mich einprasseln. Und wenn es doch einmal still wird, greife ich fast automatisch nach Ablenkung, als wäre Leere gefährlich. Ich merke das im Alltag ständig. Wenn ich in der Supermarktschlange stehe, greife ich automatisch nach dem Handy – nicht, um etwas Bestimmtes zu tun, sondern einfach, um die paar Minuten zu füllen. Beim Kochen schalte ich fast reflexhaft Musik ein, als müsste jedes Zwiebelhacken einen Soundtrack haben. Und selbst fünf Minuten Warten auf den Bus fühlen sich plötzlich endlos an, wenn kein Podcast mich begleitet. 

Wir sehnen uns nach Ruhe und Entspannung, gleichzeitig flüchten wir vor ihr. Wir füllen jede Lücke, damit keine Gedanken durchdringen können, die wir lieber verdrängen. Es ist fast absurd: Wir bezahlen dafür, Stille zu erleben. Wir haben eine ganze Industrie um die Stille gebaut, scheinen uns gleichzeitig nach genau dieser Ruhe zu sehen. Retreats, Noise-Cancelling, Meditations-Apps, Digital Detox. Wir kaufen uns das, was eigentlich immer da ist. Weil Ruhe sich heute fast subversiv anfühlt, wie ein kleiner Akt des Widerstands gegen Dauerverfügbarkeit und Produktivität. Ruhe als Ware, Stille als Lifestyleprodukt. Paradox, dass wir bezahlen, um nicht abgelenkt zu sein. Wir müssen Stille nicht kaufen, sondern nur aushalten. Und genau das ist das Schwierige. Denn wenn es still wird, hören wir plötzlich Dinge, die sonst im Hintergrund bleiben: Sorgen, Zweifel, Erinnerungen. Manchmal ist das unbequem, manchmal fast bedrohlich, aber vielleicht liegt genau darin die Chance. Meine Wanderung hat mir gezeigt: Stille ist kein leeres Nichts. Sie ist voll – von uns selbst, von Gedanken, Erinnerungen, Fragen. Sie ist unbequem, manchmal sogar laut. Aber wenn man sie aushält, kann sie etwas in Bewegung bringen, das sonst untergeht im Dauerrauschen.