Zwischenräume
Über kaum ein Thema lässt sich abends länger reden als die eigenen Emotionen. Ist man zu lange in der Bar versumpft, werden die Gespräche leicht sentimentaler. Das Leben wird offen gelegt, doch dem Gegenüber fallen nach dem ganzen Bier auch maximal noch Floskeln oder ein Paar Lebensweisheiten aus den letzten Tiktok Edits vom Doomscrollen am Nachmittag ein. Trist, wie wenig uns die Worte helfen. Ida Jesenberger versteckt sich nicht hinter Floskeln. Ihre Kunst ist Ausdruck von Gefühlen, die man so kaum greifen kann. Sie bietet Verständnis, ohne dabei je ein Wort zu sagen.
Denke ich an Idas Kunst, ohne sie vor mir zu sehen, so denke ich an verschwommene Portraits zwischen den Welten. Im weiteren Gedankengang kommen mir sofort die erhaben und elegant wirkenden Farben, wie sie mir sonst in alten Prunkbauten und Kirchen des Barock unterkommen. Ein so leicht fallendes Rosa, welches passend zum Bild der Kirche eine Art Sonntagsgefühl auslöst. Nicht aber weil es einen früh morgens zum Gebet in die Kirche drängt, sondern weil es dieses Gefühl portraitiert, dass man zwischen den Wochen steht. Man ist gezeichnet vom Feiern am Vorabend, hat viel zu lange geschlafen, schleppt eine gewisse Trägheit mit in den fast verschlafenen Tag und doch aber kommt einem langsam der Stress mit der neu beginnenden Woche immer näher.
“Ich mags, wenn ich zu malen beginne, vorab bereits alles festgelegt zu haben. Viele sagen, sie schauen, was sich im Prozess entwickelt und sie wissen nicht, wie das Endergebnis aussieht, aber ich weiß fix, wie ich es haben will.“
Idas Startpunkt für ein Gemälde ist meistens ähnlich. Sie will eine Stimmung, ein Gefühl oder eine Situation in einem Bild verarbeiten. Daraufhin kommt ihr Freund Timm Felder ins Spiel. Er ist Fotograf und gemeinsam versuchen sie dieses Gefühl in einem Fotoshooting für Referenzbilder festzuhalten. Diese sind meist Langzeitbelichtungen. Danach entsteht aus den Referenzbildern eine Skizze, “und dann leg ich los!”. Gemalt wird im Schlafzimmer, das gerade auch temporär als Atelier herhält. Während des Malens braucht sie dann meist auch Geräusche aus dem Off. Das ist manchmal Musik, gerade im Frühling waren es oft die Beatles. Meist aber ist es eher ein Podcast, der die Soundkulisse bietet. Die Favoriten derzeit: Augen zu, der Kunstpodcast der Zeit, The great women artist Podcast von Katy Hessel, Kunst und Leben - der Monopol Podcast und Alles gesagt von der Zeit. Ihr Freund Timm wirft ein: “Dann ist sie in einem Flowstate!”
Aus den statischen Momentaufnahmen der Fotos entsteht so eine Dynamik, losgelöst von den Fesseln der Zeit. Momente wirken plötzlich eigen, in die Länge gezogen, vor allem aber lebendig.
Auf ihrer Palette finden sich meist dieselben Farben. Zum Zeitpunkt des Gesprächs befand sich Ida, was die Farben ihrer Bilder angeht, gerade in einer “Rosa-Lachs-Era”, zuvor fand weiß noch einen größeren Stellenwert in ihrer Overlay-Serie, die sie auch in Zukunft gerne weiterverfolgen will. Zum Zeitpunkt, in dem der Artikel verfasst wird, konnte man aus der Ferne auf ihrem Instagram Profil erkennen, es ergibt sich evtl. eine neue Farbe, eine Art Olivgrün.
“Olivgrün? Da habe ich mir mal eine Tube beim Gerstecker gekauft und das macht auch voll Spaß, weil es mal eine neue Farbe ist, aber ich mische sie recht viel und sie ist eher für Details im Hintergrund. Also ich hab nicht wirklich grüne Bilder ab jetzt. Ich würd sagen Rosa / Lachs ist immer noch die Hauptfarbe.”
Naja, vielleicht auch eher doch noch keine neue Farbära.
Betrachtet man Idas Kunst, bekommt man das Gefühl, an einem Austausch teilzuhaben. Zum einen ist es ein Austausch zwischen der Künstlerin und sich selbst. In ihren wiederkehrenden Motiven begegnet sie meist dem Ich. “Es ist mir wichtig, dass es nicht selbstverliebt rüberkommt. Es geht mir beim Malen vor allem um meine Gefühle, da fände ich es weird eine andere Person zu malen.”
Selbst steht Ida nicht gerne im Mittelpunkt: „Ich bin gerne im Hintergrund, höre gerne zu, aber ich bin niemand, der jetzt crazy outgoing ist.”
Ihre Bilder sind vor allem auch ein Weg, präsent zu sein, ohne präsent sein zu müssen.
„Die hängen dann irgendwo und ich bin voll präsent durch die Bilder und muss mich selbst nicht so zeigen. In meinen Bildern bin ich weniger selbstkritisch, mir geht‘s darin nicht um mein Aussehen, sondern um das, was ich fühle.”
Gerade auch Malereien ihrer Hände zeigen diese unterschwellige Kommunikation.
“Ich habe das Gefühl, dass meine Hände viel über mich verraten. Gerade in Situationen, in denen ich mich unwohl fühle, in denen ich aber stark wirken will, habe ich das Gefühl, dass mich meine Hände verraten. Die machen dann meist so komische Sachen”
Die Gemälde sind zum anderen auch ein Austausch zwischen dem Werk und den Betrachtenden. Steht man vor einem ihrer großen Gemälde, so hat man das Gefühl, im Anblick der sich selbst portraitierten Künstlerin eine Art Selbstverständnis zu begreifen. Man fühlt sich gesehen, ohne es direkt zu verstehen. Sehen wir Ida introspektiv liegend, so sehen wir uns darin. Wir erinnern uns an Momente, in denen wir uns nicht echt im eigenen Körper fühlen, depersonalisiert oder gar fremdgesteuert sind. Ganz ohne Worte zeigt uns Ida das Schöne an der Malerei. Sie nimmt uns bei der Hand und begleitet uns aus dem Alltäglichen in Räume zwischen den Realitäten. Sie verständigt, erweitert Horizonte und verbindet Menschen ganz ohne verbale Sprache.
Ida Jesenberger bietet weder Floskeln noch Ratschläge. Sie schafft es, ein Gefühl von Verständnis wortlos auszudrücken. Jenseits von Realität und Träumen zeigt sie uns Momente außerhalb unserer Selbst.